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Helmut Kohl
Erschienen
Erinnerungen 1982-1990
12/2005
Droemer-Knaur, München
1138 Seiten, 149 S/W Fotos, 36 Farbbilder
Ein Buch wie sein Autor. Monumental. Auf über 1000 Seiten schildert Helmut Kohl im vorliegenden zweiten Teil seiner Lebenserinnerungen die ersten acht Jahre seiner Kanzlerschaft, beginnend mit dem Einzug ins Bonner Kanzleramt bis zu den ersten freien Wahlen in der ehemaligen "DDR" nach dem Fall der Mauer, die im Frühjahr 1990 stattfanden. Gegliedert ist dieses vor allem bezüglich seines Umfanges gigantische Buch in drei Teile, die kongruent mit den drei Kabinetten Kohl der 1980er Jahre sind. Die zahlreichen Unterkapitel bieten dem Leser die Möglichkeit, Ereignisse dieser Zeit, die ihn besonders interessieren, schnellstens zu finden. Umfassend berichtet der Alt-Bundeskanzler von den prägenden Jahren seiner Ära. Nato-Doppelbeschluss, Überwindung der Wirtschaftskrise, Fortgang der europäischen Einigungsbewegung und als Höhepunkt der Zusammenbruch der kommunistischen Regime in Osteuropa und der daraus resultierenden Deutschen Einheit.

Der Autor beschreitet in seinen Erinnerungen den klassischen, chronologischen Weg.
Kohl lässt sich vor allem genüsslich und breit über die Gegner auf seinem Weg aus; so über seinen Vorgänger im Amte Helmut Schmidt, der ihm sein Büro vollständig geräumt - ohne ein einziges Stück Papier hinterlassen zu haben - übergab. Als er selbst 16 Jahre später wieder auszog, vermied er diese Stillosigkeit und übergab seinem Nachfolger wichtige Unterlagen. Überhaupt scheint es eines seiner innersten Wünsche zu sein, der Nachwelt eine ganz eigene Sicht auf die Dinge und vor allem auf seine mitunter sehr raubeinig ausgetragenen Gefechte mit politischen Gegnern, die er durchaus auch in der eigenen Partei fand, ins Stammbuch zu schreiben.
Wer erfolgreich einen Wahlkampf führen und gewinnen möchte, dem sei dieses Buch nur zu empfehlen. Der promovierte Historiker Kohl bietet dazu eine Art Anleitung. Wichtig sei es, in den Wahlkämpfen beim Bürger Hoffnung und Zuversicht zu verbreiten. Ängste der Wähler zu schüren sei dagegen kontraproduktiv. Personalentscheidungen befinden nach der Auffassung Kohls nicht nur über Erfolg oder Misserfolg von Regierungen und der sie tragenden Parteien, sondern sind tatsächlich Kern politischer Führung und Gestaltung.

Zu den Glanzlichtern dieses Buches zählt zweifelsfrei die Portraits berühmter Zeitgenossen und Weggefährten des deutschen Regierungschefs. Kohl erweist sich als Meister der feinen Pinselführung. Die Bildnisse eines Franz Josef Strauß, Francois Mitterrand und Richard von Weizsäcker, um nur ein paar wenige zu erwähnen, erinnern mehr an die Meisterwerke der deutschen Hochromantik eines Caspar David Friedrichs als an grobschlächtige abstrakte Kunst heutiger Prägung. Allerdings gönnt er diese dann zumeist auch eher wohlwollende Blumigkeit fast ausschließlich den politischen Mitmenschen, die Kohl in seinem Dunstkreis leiden mochte. Andere Gestalten bügelt er auch mal mit genüsslicher Häme ab und scheint - im Nachhinein - für jeden Streich ein gutes Gegenfeuer parat zu haben. So setzt er im Falle von Weizsäckers noch feine Nadelstiche, indem der durch die wörtliche Wiedergabe der Weizsäcker-Briefe, bei der es um die Bewerbung um das Präsidentenamt ging, den späteren protokollarisch ersten Manne im Staate als Hauptnutznieser des so genannten "Systems Kohls" entlarvt, welches Richard von Weizsäcker später so beharrlich kritisierte.
Die härteren Bandagen bekommen die vielen Kritiker zu spüren, die sich Kohl - historisch gesehen vergeblich - in den Weg stellten. Gegen die Putschisten von Bremen setzt sich Kohl fotografisch in Siegerpose und lässt die damalige Niederlage seiner abgefallenen Vasallen genießerisch und vielleicht mit einer Spur Verachtung Wiederauferstehung feiern - ein beispiel dafür, welche Grundmotivation den "Kanzler der Einheit" zu diesem seitenstarken Mammutwerk getrieben haben könnte: Es geht darum, seine eigene Position in der Geschichte auf jeden Fall ins rechte Lot zu rücken.

Dass Freundschaften für den Ehrenbürger Europas keine Lippenbekenntnisse sind und sich deren Pflege gerade in schwierigen Zeiten als hilfreich erweist, zeigt Kohl an seinem Verhältnis zu Francois Mitterrand, den er im Gegensatz zu dessen Vorgänger Giscard d'Estaing aufs Äußerste schätzte. Hilfreich beim Aufbau dieses kongenialen europäischen Duos war die Tatsache, dass Kohl dem französischen Staatspräsidenten bei der Durchsetzung wirtschaftspolitischer Ziele auf europäischer Ebene half, die der kränkelnden französischen Industrie maßgeblich zugute kamen. Die persönlichen Beziehungen zwischen Kohl und Mitterrand halfen der deutsch-französischen Freundschaft weiter auf die Beine und symbolisierte sich in kleinen Gesten mit großer Außenwirkung. Ein Beispiel dafür ist das lange Hin und Her um die Kanone "Vogel Greif": Die im 16. Jahrhundert gegossene, niemals zum Einsatz gekommene Waffe, die als Kriegsbeute von der Festung Ehrenbreitstein bei Koblenz nach Frankreich verbracht worden war, kehrte als Zeichen der deutsch-französischen Aussöhnung im Herbst 1984 zu ihrem ursprünglichen Ort zurück. Auch Einblicke in das persönliche Beziehungsgeflecht hoher Repräsentanten gewährt Kohl bei der Gelegenheit zuhauf. Dass sich Mitterrand und Thatcher auf EG-Gipfeln regelrecht angifteten, bleibt ebenso wenig unerwähnt wie Kohls eigener schwieriger Umgang mit der Premierministerin Ihrer Majestät, die oftmals Kontinentaleuropa für alles Übel auf den britischen Inseln verantwortlich machte.

Zu den Kontinuitäten des Buches zählt Kohls Vorwurf an die SPD, die Idee und Möglichkeit der Deutsche Einheit in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts innerlich verraten und aufgegeben zu haben. Besonders Johannes Rau spielte nach Meinung des CDU-Granden eine unrühmliche Rolle. Im Vorfeld der Bundestagswahl 1987 - Rau war Kanzlerkandidat der Sozialdemokraten - habe die SED Rau massiv unterstützt und ihn verkünden lassen, dass die "DDR" den Strom von Asylanten aus der Dritten Welt über den Berliner Flughafen Schönefeld in den Westen stoppen werde. Im Gegensatz dazu wäre der spätere Bundespräsident Rau als Kanzler bereit gewesen, die "DDR Staatsbürgerschaft" anzuerkennen und hätte hingenommen, sich damit vom Gebot der einen deutschen Staatsnation abzukehren. Kohl attestiert den Sozialdemokraten ferner Humorlosigkeit. Er belegt dies am Beispiel eines katholischen Priesters, der aus Freude des Wahlsieges der Christdemokraten bei der Bundestagswahl 1983 für zwei Minuten die Glocken läuten ließ und daraufhin von einem SPD-Anhänger wegen Ruhestörung angezeigt wurde. Kohl solidarisierte sich mit dem Geistlichen und beglich die Hälfte des Bußgeldes aus seinen privaten Einkünften.
Nun sind es eben diese Geschichten, die dem Buch auch in breiteren Leserkreisen eine durchaus beachtliche Berechtigung verleihen: Es ist ein Blick hinter die Kulissen, der aber mit aller Vorsicht zu genießen ist. Der "Jahrhundert-Kanzler" verleugnet nämlich keineswergs, dass es ein nicht eben sonderlich objektiver Blick ist. Es ist die Welt in den Erinnerungen eines Helmut Kohl.

Dieser erinnert sich nicht nur an seine Begegnungen mit den Großen der Welt; von enormer Wichtigkeit seien für ihn die Gespräche mit dem Bürger gewesen. Während einer Privatreise in die "DDR" 1988, so sinniert der Altkanzler, wurde er unter anderen von einem Arbeiter im Blaumann gebeten, sich dafür einzusetzen, dass die Fußball-Bundesliga auch weiterhin im öffentlich-rechtlichen Fernsehen übertragen werde. Der Prager Kardinal Tomàsek, den Kohl als erster westlicher Regierungschef besuchte, berichtete dem Bundeskanzler von den Härten des Lebens in einem kommunistischen Regime, wie er es in dieser Intensität bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht gehört habe. Es sind durchaus anrührende Geschichten, die der Staatsmann da in Zeilen fasste

Der Pfälzer hat viel erlebt in diesen acht Jahren seiner Kanzlerschaft. Er schreibt in offener, meist auch offensiver Art von den Höhen, aber auch den Tiefen. Damit wären wir wieder bei den Vorkommnissen um den Bremer Parteitag der CDU im September 1989, als führende Unionspolitiker um Heiner Geißler Kohl stürzen wollten. Generalsekretär Geißler, der wenige Jahre zuvor Helmut Kohl mit einem Churchill Zitat "Mut ist die wichtigste politische Tugend; von ihr hängt alles ab", bedachte und nunmehr Kohls angeblichen schwachen Führungsstil sierte, wollte selbst CDU-Vorsitzender und Lothar Späth Kohls Nachfolger im Kanzleramt werden. Kohl, der zu diesem Zeitpunkt unter starken Schmerzen litt und vor einem operativen Eingriff stand, wehrte den Putschversuch auf seine ganz eigene Weise ab und beendete seinerseits die die Karriere Geißlers als "CDU General". Ausführlich beackert er in seinen Erinnerungen diese SChlacht - und illustriert die ohne Zweifel tief empfundene Genugtuung mit einem sicherlich nicht eben zufällig ausgdewählten Bild, das den Sieger Kohl neben dem Verlierer Geißler zeigt - Bilder bleiben in Erinnerung und diese Erinnerungen sollen das Bild vom Altkanzler prägen.
Es soll das Bild sein von einem großen Staatsmann, der sich allen Widerständen zum Trotz für den besten Weg einsetzt und der eine Acht hat für die kleinen Gesten in diesem großen Geschäft: Beschämend habe er es empfunden, als er in Berlin bei seiner Rede nach dem Mauerfall von einem Teil der Bevölkerung ausgepfiffen wurde und das Deutschlandlied vor dem Rathaus Schöneberg in einem Tumult unterging. Umso erfreulicher sei die Geste einer Berlinerin gewesen, die ihm wenige Tage später einen Blumenstrauß mit 50 roten Rosen zukommen ließ mit einer Karte auf der ein "Liebe Grüße aus Berlin - Sehn Se, det is ooch Berlin" stand. Und da ist es wieder: Das Bild vom Kanzler, der sich beim großen Zapfensteich eine Träne nicht verkneift. Ein Mann mit Herz und Verstand - sicherlich die Einordnung, die ihm selbst am liebsten wäre.

In diesem zweiten Band der Erinnerungen kommen - im Gegensatz zum ersten der Jahre 1930-1982 (ebenfalls bei Droemer erschienen) - Anekdoten nicht zu kurz. Eine davon ereignete sich während eines Besuches Ronald Reagans in Deutschland, als Kritiker des US-Präsidenten bei der Vorbeifahrt der Wagenkolonne ihre Hosen und Röcke herunter ließen und dem Staatsgast die nackten Hintern zeigten. Reagan Kommentar dazu: "Was man nicht alles sieht."



Helmut Kohls Erinnerungen 1982-1990 ist ein Meisterwerk politischer Autobiographiekunst: Es setzt den Gegenstand der Betrachtungen in genau das Licht, in den der Gegenstand der Betrachtungen gerne gesetzt werden mag. Gerade dieser Anspruch macht den durch den Umfang zunächst vielleicht etwas abschreckenden Wälzer lesenswert. Anschaulich gibt er dem Außenstehenden Einblicke in das Leben eines besonderen deutschen Bundeskanzlers mit all den Intrigen, Rücksichtnahmen, Schwierigkeiten und dem unglaublichen Stress. Auch in sprachlicher Hinsicht ist es ein Vergnügen dieses Geschichtslesebuch zu lesen, wenngleich man sich natürlich nicht auf einen Simmel einstellen darf: Jeder Satz spiegelt unverkennbar Kohls Sprachduktus wieder.
Merkte man dem ersten Teil ein wenig an, dass die Ereignisse lange Jahrzehnte zurücklagen und bei der Wiedergabe ohne innere Verve vorgetragen wurden, so ist dies in Teil Zwei nicht der Fall. Das macht die Aussagen nicht unbedingt objektiver, unterstreicht aber ihren besonderewn biographschen Wert.

Zugute kommt dem Buch ferner die Wiedergabe von Quellen, besonders den Gesprächsprotokollen mit den Regierungschefs dieser Welt, die teilweise erstmals einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden. Das wird dafür Sorge tragen, dass dass die Lebenserinnerungen des Kanzlers der Deutschen Einheit für zukünftige Generationen von Geschichtsstudenten zum Standartwerk im historischen Seminaren werden. Und das wollte Kohl doch eigentlich erreichen: Seinen ganz eigenen Platz in der Geschichte sichern.

PK