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Erschienen
Helena spielt auf der Klaviatur der großen Gefühle - "Lyambiko" in Hockenheim
12/2005
Es ist ein Wunder, wenn eine Jazz- und Bluesveranstaltung die Massen anzulocken vermag.Mitte Novemberhat sich ein solches im Hockenheimer Kulturzentrum "Pumpwerk" ereignet: Bis auf den letzten Stehplatz bevölkerte das Publikum den Musentempel – ein feuerpolizeilicher Graus, der aber einer gigantischen Konzertatmosphäre den Nährboden verschaffte. Zugegebenermaßen war diese für den längst zur Nischengattung zurückgeschmolzenen Jazz doch ungewöhnliche Volkswanderung gut vorbereitet: Bereits in den vergangenen beiden Jahren hatte Kulturmanager Lothar Blank die Rennstädter bei den Jazz- und Bluestagen mit kleinen "Vorspeisen" der Formation, der diesmal ein ganzer Abend gehören sollte, "angefixt" (Rezensionen zu den Konzerten 2003 und 2004 bei uns). Aber man darf ganz offen diesen schier unglaublichen Erfolg der unbeschreiblichen Qualität zuschreiben, die den Stars des Abends eigen ist: Die nach der Frontfrau benannte Jazz-Combo "Lyambiko" bringt nicht nur "The most beautiful voice in swing, latin and soul jazz", sondern auch enorm vielschichtige, atemberaubend schöne und immer wieder neue Musik, die in einer breiten Streuung unterschiedlichste Geschmäcker zu bedienen vermag.

Im Zentrum steht dabei ohne Frage die Sängerin und Frontfrau Lyambiko. Der Deutsch-Afrikanerin rollen die drei Instrumentalisten in ihrem Geleit den roten Teppich aus, sie machen sie mit jedem ihrer Töne zu ihrer Herzdame und versuchen alles, um sie ins Rampenlicht zu stellen. Es ist ganz selten, dass sich stimmliche Präsenz und sinnliche Erscheinung so perfekt verbinden – an Lyambiko scheint alles makellos. Die schönste Frau, die die Pumpwerk-Bretter je gesehen haben, wickelt ihr Publikum nämlich nicht nur mit helenenhaftem Aussehen um den Finger, sondern vor allem vom ersten Ton an mit ihrer Stimme: Warm undein wenig rauchig, in den Höhen jedoch kristallklar und in allen Lagen extrem biegbar trägt sie mit jedem Ton ihre Emotion und ihr Herz vor sich her. Lockend, zärtlich, verführerisch, manchmal auch einen Hauch frivol – das ist die Klaviatur der großen Gefühle, auf der Lyambiko drei Stunden lang in aller Ekstase spielte, mal mitreißend, mal beruhigend, mal lockend, mal vorantreibend. Wenngleich die "Queen of Voice" auf der Bühne wie im Leben stets etwas Unnahbares ausstrahlt, wird sie vom Publikum und der Kritik abgöttisch geliebt.

Das verdankt sie durchaus auch ihren drei "Buben": Dem bei aller Coolness und innerer Ruhe doch percussiv verspielten Drummer Torsten Zwingenberger, der gemeinsam mit Robin Draganic, der seinen grundsoliden Bass mit markanten, ungewöhnlichen Eskapaden garniert, die Rhythmusgruppe für den explosiven Pianisten gibt. Und vor allem auch diesem selbst: Marque Lowenthal ist der Meister der Tasten und mit seinen mal perlend leichten Singlenote-Folgen, mal hämmernd treibenden Akkorden stets der perfekte musikalische Gesprächspartner für die Sängerin. Zusammen hauchen sie die Seele, den Esprit und die Vitalität ein, die auf dem entspannten Grundton der Rhythmiker wilde Feste feiern. Mit seinem offenen Hemd und dem noch offeneren Wesen ist Lowenthal gleichzeitig auch optisch der Gegenpol zum relaxten Zwingenberger, der im Dreiteiler allenfalls einmal ein Lächeln über die Lippen zaubert. Zwischen diesen beiden Polen pendelt Lyambiko hin und her, gibt mal die kraftvoll explosive, dann wieder die mystisch geheimnisvolle. Und dennoch: Wenn sie Musik machen, dann scheinen die Vier vollständig in ihren Tönen zu versinken und die Welt um sich herum ganz zu vergessen – was sich gut trifft, weil sich das Publikum mit geschlossenen Augen und entrücktem Gesichtsausdruck ohnedies längst verloren hat in den weiten Klangräumen, die Lyambiko eröffnet.

So interpretiert die Formation Klassiker des Genres auf eine ganz eigene, augenzwinkernde Weise, dreht "Blue Moon" durch den musikalischen Fleischwolf, um nach Fitzgerald, Sinatrah, Presley und Dylan eine Lyambiko-Version zu präsentieren, gibt aber auch Kostproben der eigenen Arbeit:Mit einem langen, sehr melodiösen, fast liedhaften Intro gab der rhythmische Titel "Holding up" aus der Feder des Bassisten Draganic einen der Höhepunkte des Konzerts und ein perfekte Beispiel von der im Februar erschienenen dritten CD der Truppe "Lyambiko". Ein Exempel für den starken Einfluss der multikulturellen Ingredienzien gleich anschließend die afrikanische Beschwörungs-Hymne "Maleika". In Bob Doroughs "Small day tomorrow" zog sich Lyambikos Stimme wie feine silbrige Fäden durch den blauen Tondunst ihrer Gentlemen – fesselnd, um die Seele zu befreien. Es sind eben gerade diese immer neuen Höhen der Phantasie, mit denen die Musik der Gruppe so wertvoll gemacht wird.


Auch der jüngste Auftritt "Lyambikos", der endlich auch einen abendfüllenden Ausschnitt aus dem unerschöpflichen Kosmos der Combo präsentierte, endete in ausgelassenem Jubel, Pfeifen und donnerdem Applaus, in dem sich der Rausch und die berührte Ergriffenheit eines uneingeschränkt begeisterten Publikums Bahn brachen. Lyambiko ist und bleibt die Helena des Jazz und Blues.



Weitere Informationen und exzellente Hörbeispiele finden sich im Internet unter http://www.lyambiko.com .