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Erschienen
Barbara Thalheim als Frau mit Träumen und Instinkt
12/2005
"Ich atme die Welt ein – und als Lied wieder aus", so haben wir an dieser Stelle vor eineinviertel Jahren mit einer Zeile aus einem ihrer Lieder den katalytischen Prozess beschrieben, den die Berliner Liedermacherin und Chansonette Barbara Thalheim in jedem ihrer Stücke vollzieht. Ende November war dem Hockenheimer Publikum nicht nur ein Ausschnitt mit der markanten "Ost-Stimme" gegönnt wie seinerzeit bei der "Nacht der Lieder", sondern ein abendfüllendes Programm. Wenn es nur wenige Zuhörer dazu in das Kulturzentrum "Pumpwerk" gelockt hat, dann mag das ob der herausragenden Qualität der Thalheim-Musik einerseits bedauerlicher Beweis für die vielbeschworene These gewesen sein, dass man heutzutage, in einer comedy-geschwängerten Zeit, mit Niveau keinen mehr hinter dem Ofen hervorlockt, andererseits war den Gekommenen ein ganz besonders intimes, familiäres Treffen mit der Sängerin auf Du und Du vergönnt, das sich in die Seelen der Gäste eingebrannt hat und sie noch lange begleiten wird.

Zusammen mit ihrem Akkordeonisten Jean Pacalet gab die Thalheim, die ihre Karriere Ende der 1970er Jahre in der damaligen DDR begann und mit einer kleinen Pause Mitte der 1990er auch in der größer gewordenen Bundesrepublik fortsetzte, zwei Stunden ein so harmonisches und symbiotisches Gespann, dass man kaum glauben mag, dass die Ausnahme-Röhre und der Top-Musiker erst seit zehn Jahren zusammenarbeiten. Sie sind die siamesischen Zwillinge der Musik: Sie die atemberaubend natürliche Chanteuse, deren Stimme beileibe nicht den klanglichen Idealen der glatten Unterhaltungsindustrie entspricht, dabei aber den realistisch-unverblümten Grundton ihrer Lieder perfekt in Töne umzusetzen vermag und ihr dabei den Nimbus des Unverfälschten, Offenkundigen und Realistischen verleiht, er der phantasiereiche Begleiter, dessen Akkordeonklänge aufrühren können oder beruhigen, der ohne Ausnahme stets den rechten Ton für die bisweilen sehr extravaganten Melodiebögen der Sängerin trifft und der auch einmal ein Solo hinlegen kann, in dem er aus dem Windfänger ungeahnte Töne herausholt. Diese Harmonie ist umso erstaunlicher, als sich beide bei ihrem ersten Treffen 1993 in Paris kaum über den Weg trauten: Sie kam mit der festen Meinung, dass sie jedes Alphorn der "Quetschkommode" vorziehen würde, er quittierte das mit einem trockenen "Wenn ich etwas hasse, dann sind das Chanson-Sängerinnen". Aber genau das ist Barbara Thalheims Art: Vorurteile und feste Meinungen über Bord zu werfen und immer wieder den Neuanfang zu wagen. Das macht sie trotz ihrer bisweilen fast schmerzhaften Realitätssucht, die keinerlei schwärmerische Verblendung zulässt, doch alles in allem zu einer optimistischen, lebenslustigen Sängerin mit Texten und Melodien, die Mauern einreißen, um neue Welten aufzubauen.

Dabei ist sie durchaus unbequem: Die Frau, die Anfang der 70er noch als "IM Elvira" für den DDR-Staatssicherheitsdienst arbeitete, wurde später wegen ihrer kritischen Haltung nicht nur aus der SED ausgeschlossen, sondern auch mit Auftrittsverboten belegt. Bis heute glaubt sie an eine Staats-Utopie, in der "Jeder sich um Jeden kümmert". Für ihre tiefgründigen Texte vor allem wurde die Thalheim 1994 für die CD "Fremdgehen" und im vergangenen Jahr für ihre neueste CD "Insel sein" mit dem Preis der Deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet.

Im "Pumpwerk" gab sie ein zweistündiges Programm, das es in sich hatte: Wohlbekannte Titel wie eben jenes "Ich atme die Welt ein" oder das ausnahmsweise vor allem auch nach musik-ästhetischen Kriterien geformte "Ich will eine Insel sein". Aber auch weniger bekannte, mit denen sie immer neu spannend aufzurütteln versteht: In "Biografien" lässt sie, gleichsam stellvertretend für uns alle und im Angesicht des berühmten Weizsäcker-Worts "Ohne Herkunft keine Zukunft", die Lebensläufe von Pepe, Mirco und Lisa in ihren gesellschaftlichen Verstrickungen zutage treten, nur um mit fester Überzeugung auszurufen, "und müsst ich den Film heut noch einmal dreh’n, wär’n drin alle Szenen, alle Szenen zu sehn: Nichts wäre geschnitten, darauf mein Wort!" Da ist eine, die zu sich steht – und die dennoch stets an sich zu zweifeln bereit ist: "Kann ich wissen, was ich bin", sagt die Frau, der "manche Linke böse" sind, weil "ich nicht nostalgisch döse".


Das Hockenheimer Publikum war alles andere als das: Begeistert und gespannt verfolgte das Auditorium jede Silbe der löwenmähnigen Endfünfzigerin, die "New Merkel und Old Schröder" ihre Agendas um die Ohren schlug und der großen Muse der französischen Existentialisten und Grand Dame des Chanson Juliette Gréco ein musikalisches Denkmal setzte. "Ich werde alt", sang die Thalheim bedeutungsschwanger – um verschmitzt ein "wie ein Orkan" hinzuzufügen: Die Knochen mögen krachen, aber noch immer legt die Große aus dem Osten einen mitreißenden Veitstanz auf die Bühne. Und noch immer verfolgt sie nur eine Linie: "Hör auf das, was in dir schwingt: Deine Träume, dein Instinkt".

 

 

 
 

©:Benjamin Weinkauf