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Erschienen
Joana probt den Kopfstand mit verrückt heißem Herzen
12/2005


"Für Kinder ein Spiel, für Yoga-Anhänger Entspannung, für Politiker Beruf" – mit drei kurzen Phrasen brachte die in unserer Region bestens bekannte und sehr beliebte Sängerin und Chansonette Joana Ende November ihr neues Programm auf den Punkt: "Kopfstand" war der Abend überschrieben, der die Trägerin des "Bloomaul-Ordens" endlich wieder einmal ins Hockenheimer Kulturzentrum führte – "schön, wieder auf den vertrauten Brettern des Pumpwerks zu stehen". Ein Gefühl, das im Publikum, das zum größten Teil aus seit Jahren treuen Fans bestand, seinen Widerhall fand – "schön, dass Du wieder da bist", so waberte eine wohlige Vertrautheit durch den Musentempel.

Nachdem das Kurpfälzer Urgestein, das bereits seit Mitte der 1960er Jahre auf allen Bühnen der Republik zuhause ist, im Sommer bei der letzten "Nacht der Lieder" stimmlich deutlich angegriffen war, hatte man im Vorfeld dieses Konzertes schon einige Befürchtungen gehört. In wenigen Augenblicken hatte Joana diese mit einem strahlenden Lächeln und ihrer warmen, weichen Stimme, der lebenslustigen Art und verbindlichen Präsenz zerstreut: Sie ist wie eh und je – witzig, poetisch, nachdenklich, hintersinnig, schlitzohrig und charmant.

Bislang hatte man von der neuen CD "Kopfstand" live nur Ausschnitte zu hören bekommen, nun gabs einen großzügigen Streifzug durch den fast genau vor einem Jahr veröffentlichten Silbering. Die inzwischen 23. Platte der gesanglichen Dauerbrennerin verführt auf die altbekannte und doch so unverbrauchte Weise der denkenden Sängerin und individualistischen Ton-Dichterin zu neuen geistigen Höhenflügen, die bei ihr stets garantiert sind. Umso wichtiger in einer Welt, in der alle Utopien und selbst die abartigsten Zukunftsvorstellungen längst von der Realität eingeholt, überholt sind: Zwischen Schönheitsgeschnibbel im TV, dem Roboter, der Gutenachtgeschichten vorliest und der Sauerstoffbar, "wir futtern fast, wir fasten slim" – "die Welt steht Kopf, Tschingerassassa". Dass sie selbst weder angesichts dieser Entwicklungen, noch im Anbetracht der persönlichen Rückschläge verzweifelt oder verbittert, verdankt sie wahrscheinlich der Katharsis, die sie in der Musik immer wieder erleben kann. Dann kann sie mit "Ich singe und springe" dem von märchenhaften Kindheitserinnerungen strotzenden "Ruckedigu" frönen, entführt sich selbst in der so berührenden Ballade "Als hätte ich Flügel" in eine Welt, in der in der Villa mit André Rieu der Himmel voller Gegien hängt, nur um im nächsten Augenblick der enttäuschten Liebe ein melancholisches "Bin verlassen, bin traurig und will es auch sein" auf der einen, ein trotzig-kämpferisches "Hurra, Dich bin ich los!" auf der anderen Seite hinterherzurufen. "So uneins noch und doch verwandt, was ist nur los in deutschen Landen", fragt sie mit einem Seitenblick auf Nörgel-Ossis und Besser-Wessis und hofft zum Schluss doch in einer fast versöhnlichen Geste darauf, dass die Zeit auch den Argwohn auf beiden deutschen Seiten heilen kann und aus uns doch noch ein "einig Vater-Mutter-Heimatland" macht.

Das ist die große Kunst dieser geradlinigen Liedermacherin: Sie ist sich selbst in all den Jahren treu geblieben. Musikalisch wie geistig. Sie kommentiert die Geschicke und Ungeschicke ihrer Zeit, wirft den neuen Rechten Konstantin Weckers "Sage nein" entgegen, macht den "auserwählten Kreuzritter" aus Amerika mit einem entwaffnenden Lachen zum "Oh Schorsch W. – o weh!" zur Lachnummer und nimmt sich selbst gern auch einmal eine Runde auf den Arm, wenn sie - mit einem breiten Grinsen über die eigene OP - die "Reha-Wochen" in den "Beta-Block" schicken, um die Umgangsformen mit der "Keramik-Kunststoff- und Titanverbindung" zu verfeinern.

Treu geblieben ist sie sich und hat sich doch weiterentwickelt. So ist aus ihrer langjährigen Zusammenarbeit zu ihren beiden Musikern Adax Dörsam (Gitarre) und Peter Grabinger (Klavier) längst so etwas geworden, wie eine kongeniale Seelenverwandtschaft. Eine Symbiose, die sich selbst zu befruchten und voranzubringen versteht. Dieses Konzert im "Pumpwerk" war perfektes Beispiel dafür: Wie Dörsams phantasiereiche, mal hochemotionalen, mal verschlagen-komischen Gitarren-Beiträge sich mit den ebenso verschmitzten, vor allem aber in den etwas langsameren Liedern die Dramatik bis aufs Äußerste steigernden Flügelklängen Grabingers und der auf diesen Wellen der Musik davon reitenden Stimme Joanas verband war atemberaubend und bezaubernd. Die beiden Instrumentalisten stellten sich dabei ganz in den Dienst ihrer Dame, unterstrichen die Stimmung eines jeden Titels perfekt.

Erst so konnte die große Hymne an die Erde, die "Mutterkugel", mit der Joana auf die ihr eigene Art dem "jüngsten Früchtchen" der Evolution die Leviten las, ihre Gänsehaut-Dynamik entfalten und erst so konnte der zum neuen Gassenhauer avancierte "Kurpalz-Schlager" "In de Heimat is es schä" einschlagen wie alle Mundartstücke der gossen Mannheimerin.


Als Joana sich mit dem nachdenklichen Bilanzlied "Wenn ich gehen muss, bleiben noch Fragen" nach rund zweistündigem Programm vom Hockenheimer Publikum verabschiedete, waren donnernder Applaus und lauter Jubel ihre Begleiter. Es war der dank eines ganz eingeschworenen Publikums, das "seine" Joana liebt wie eh und je. Auch als Dank für deren aufrechten Gang: "Mit verrückt heißem Herzen hab ich versucht all die Zeit / aufrecht zu gehen, war der Weg auch verschneit".



Weitere Informationen finden sich im Internet unter http://www.joana.de.