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Erschienen
Lisa Fitz: Viel Aktionismus und wenig Bedacht
12/2005
„Deutschlands erfolgreichste Kabarettistin“ steht, einem Markenzeichen gleich, wo immer man ihn liest unter ihrem Namen. Bedauerlicherweise ist dies Prädikat, bei dem es sich um eine vor über zehn Jahren verliehene Auszeichnung des „Spiegel“ handelt, anders als ein Doktortitel vergänglich. Den Beweis dafür trat die bayrische Kabarettistin Lisa Fitz Ende November in der Hockenheimer Stadthalle an: Runde zwei Stunden kalauerte sie sich aufgeregt aber mit wenig Herz und noch weniger Verstand durch ihr neues Bühnenprogramm „Lex mihi ars – Begnadete Dummheit“.

Die Fitz, die mit ihrem früheren Schaffen ohne jede Frage die Kulturlandschaft der Republik stark beeinflusst hat – sie war 1981 der erste Frau, die ein Solo-Kabarettprogramm auf die Beine stellte – macht in der letzten Zeit eher mit ihren anderen Projekten von sich reden: Als „Die Gerichtsmedizinerin“ Hanna Wildbauer bediente die Mittfünfzigerin im Oktober bei RTL mit mäßigem Erfolg das gut eingeführte Thema des „Bayern auf Rügen“ mit nur mäßigem Erfolg. Dem breiteren Publikum dürfte sie von ihrer Ekel-Orgie im „Dschungelcamp“ in Erinnerung geblieben sein – und von der anschließenden Schlammschlacht mit Caroline Beil um Fitz angebliche Schönheitsoperationen.

Nun also wieder „Back to the roots“, zurück auf die Bühne, wo sich die studierte Schauspielerin aus der Familie mit der langen Mimen-Tradition doch eigentlich am wohlsten fühlen müsste. Dass sie das in der Rennstadt spürbar nicht tat, mag auch mit dem etwas dünn besetzten Auditorium zu tun gehabt haben, war aber vor allem dem keineswegs ausgegorenen Programm geschuldet: Zu oft, so die Ex-Queen des Kabarett, habe sie es in den letzten Wochen umgeschrieben. Immerhin kam auf diese Weise Angela Merkel bereits als Bundeskanzlerin vor („Ausgerechnet die CDU mit ihrer Frauenpolitik von Vorgestern muss jetzt von Übermorgen sein“), der rote Faden allerdings ging völlig verloren.

So wetterte Lisa Fitz gegen alles und Jeden, gegen die Bildzeitung, die „manifestierte Gedankenscheiße“ produziere, gegen den Zeitgeist mit seiner Hektik, die grassierende Un-Bildung der Bevölkerung („so lange unsere Lehrlinge Lehrstelle mit zwei E schreiben, sollten wir uns nicht über die Türken erheben“) und die kultivierte Lebensunlust der Deutschen („Hat in diesem Land noch irgendwer so was wie Lebensfreude?“). Nervig vor allem das kollagenhaft zusammengezimmerte Pendeln zwischen „Dosenpfand“, das als Thema mehr als mega-out ist und einem gebetsmühlenhaft wiederholten „der Spiegel sagt“. Ihr Programm war, wie unsere Zeit: Hektisch, mit wenig Bedacht und viel Aktionismus – „wer heute Zeit hat, ist entweder Rentner, oder arbeitslos“. Bedauerlich, dass dabei die meist eher seichten Gags – auch, weil sie nicht in einer stringenten Folge verbunden waren – den weiten Weg von der Bühne in den Zuschauerraum kaum schafften. Erfolgreicher und damit ein Eisbrecher beim anfangs doch sehr verhaltenen Publikum waren die Lieder, mit denen die Fitz punkten konnte. Mit karibischen Klängen machte sie klar, dass der „Traum vom Auswandern“ nicht immer Glück bringen muss, sanfte Töne umspielten ihr „Heimweh nach der Kindheit“ und in den „Banana-Boat-Song“ flocht sie tiefsinnige Gedanken über unseren Umgang mit Ausländern: „Natürlich sind die Neger auch Menschen – so lange sie in ihrer Heimat bleiben“. Wenige Highlights in einem Programm, das ansonsten der Erwähnung kaum wert wäre.

Dass sie es besser kann, hat sie in vielen erfolgreichen Jahren unter Beweis gestellt.


Es wäre wahrscheinlich an der Zeit, dass Lisa Fitz sich Gedanken macht, was sie denn will: Gerstengraspulver verkaufen, Bücher mit Sohnemann produzieren, Fernsehstar werden oder doch lieber etwas, das sie wirklich könnte: Tiefgründiges, aufrüttelndes, waches und mitreißendes Kabarett machen wie vor Jahren.

Klug, wie die Fitz das Fazit über das Ganze, auch ihre eigene Show gesprochen hat: „Ich weiß es auch nicht so genau“.