2017
 
 
 

Rezensionen

Editorial
Gästebuch
Archiv
Links
Kontakt

Suchmaschine

 
Weitere Artikel nach
Autor
Weitere Artikel nach
Titel

 

 

Drucken | Kommentar erstellen

_____________________________

Erschienen
Jazz- und Bluestage starten mit Weltklasse: Jutta Glaser und Friedemann
01/2006
Der Opener zu den diesjährigen Jazz- und Bluestagen, die Anfang Dezember traditionellerweise in winterlichen Zeiten im Hockenheimer Kulturzentrum „Pumpwerk“ Hof hielten, fand vergangenen Freitag zwar in intimem Kreis, aber mit durchaus globalem Anspruch statt: Zu Gast waren zwei unangefochtene Größen des Genres.

Den Auftakt machte Jutta Glaser. Das Leimener Jazz-Urgestein scheint nur auf den ersten Blick ein wenig unscheinbar – mit jedem Ton entfaltet sie dann aber eine brillante musikalische Strahlkraft, die ohne Übertreibung ihresgleichen sucht – mit einer klar instrumental benutzten, sehr flexiblen Stimme faucht, kreischt, klirrt, summt, gurrt sich die Frau, die schon seit vielen Jahren auch auf den „Pumpwerk“-Brettern daheim ist, durch ihre Titel und entfaltet dabei ein „musikalisches One-Woman-Universum“, wie es Frederic Hormuth so schön auf den Punkt brachte.

Dabei fühlt sie sich in experimentellen Klängen immer noch am wohlsten - exaltiert bisweilen, dazwischen immer wieder melodiösere Passagen. Es ist eben diese Weigerung, sich auf einen Stil festzulegen, der jeden Auftritt der Glaser zu einem Erlebnis werden lässt: Sie ist nicht nur unkonventionell, sie ist einzigartig. Da bringt sie „One more lonely night with you“ mit fast rockig-hartem Sound, der auch mal ein urwüchsiges Brüllen zutage fördert, nur um gleich danach einen folkartigen Einschlag in ihr immer wieder auch animalisch angehauchtes Basis-Klangrepertoire zu bringen – sie ist ein Papagei unter den Jazzern. Sanft-liebevoll widmet sich Jutta Glaser den Weiten des estnischen Landes, ein getragen schwerer Gesang mit flirrend-leichten Einsprengseln, um dann einen traditionellen Tanz durch gewagtes Transponieren und rhythmisches Variieren völlig neu zu erfinden.

Kongenialer Partner an ihrer Seite bei diesem Auftritt wie schon seit langem: Der Gitarrist Bernhard Sperrfechter, der ohne große Eskapaden mit einem klaren, bisweilen fast schnörkellosen Ton daherkommt, der die Musik auf ihren Grundgehalt zurückführt und in eben dieser Ursprünglichkeit fasziniert. So zeichnet er die von Glaser vorgegebene emotionale Spannung perfekt nach.

Zwar ebenfalls auf der Bühne, aber keinesfalls ein Konkurrent, sondern höchstens bei gehörigem Wohlwollen als „herrliches Spielzeug“ zu verstehen: Ein Air-Synthesizer, der zwar manchen futuristischen Hauch in Glasers Titel bringt, der aber insgesamt eher stört, denn wohltut – das können die Musiker nämlich alleine gut genug, was der frenetische Jubel eines Zugaben fordernden Publikums am Ende ihres Programmblocks zu recht unter Beweis stellte.

Eine einzige Wohltat dann auch der Großmeister der Musik, der den Abend mit „Weltklängen von Weltklasse“ bis tief in die Nacht hinein klingen ließ: Gitarrist Friedemann Witecka mit seiner Crew. Der 54-Jährige Ausnahmemusiker, der in der Freiburger Subkultur erwachsen wurde, hat sich in seiner Musik einerseits die kindliche Neugierde auf etwas ständig Neues, immer Anderes und vor allem nie bekanntes erhalten, andererseits verbreitet der Mann, der gern ohne Schuhe nur in Socken auf der Bühne steht, eine fast unnahbare Ernsthaftigkeit – seine Musik ist nichts für die Fungesellschaft unserer Tage, sondern hat, selbst wenn sie teilweise so leicht goutierbar scheint, immer höchsten Ansprüchen zu genügen; dennoch – oder gerade deshalb – ist „Friedemann“ zu einem Markenzeichen und Bestseller in der „Contemporary Instrumental Music“ geworden. In eine Schublade stecken lässt sich seine Musik nicht, weil sie sich ständig selbst neu erfindet: Kein Wunder, wenn einer eben den „Black Forrest“ mit sanft-malerischen Klängen beschwört, den Saal in warme, lebendig pulsierende Musik taucht und auch mystisch verarbeitete Passagen Raum greifen lässt, nur um im nächsten Augenblick den „Samurai“ aus der Tasche zu ziehen, weit gezogene, spannende Hauptthemen, die vor einer extrem aufgeladenen Rhythmusfassade etwas enorm glanzvolles erhalten. So ist Friedemann – alles verschränkt, alles eine Folge von allem und vor allem: Alles möglich.

Das verdankt er zum einen seinem absolut grenzfreien Geist, der keine Genres und keine Stile kennt, zum anderen aber auch den absolut genialen Musikern an seiner Seite: Dem Bruchsaler Keyboarder Kurt Eisfeld, dem Rastatter Drummer Markus Faller und Philippe Geiss (Sax) und Emmanuel Séjourné (Vibra- und Marimbaphon), die beide in Straßbourg am Konservatorium dozieren. Gerade Séjourné trägt viel zum außergewöhnlichen Gesamtklang der Truppe bei: Er bringt nicht nur den exotischen Flair ein, sondern vor allem unterstreicht er die stark Dominanz des Schlagwerks, die einem jeden Titel der „Friedemanns“ so viel Leben gibt. Außerdem machte er gemeinsam mit Geiss gerne den Pausenclown und persiflierte mit Faller mit einer mimisch-gestischen Gag-Nummer an zwei Trommeln („Venin“) den Stil altbekannter Samurai-Filme, was dem Auftritt eine gewisse Entspanntheit gab.


Der Einstieg in die diesjährigen Jazz- und Bluestag, die, auch das sollte nicht unerwähnt bleiben, von der Sparkasse und der Eichbaum-Brauerei ermöglicht wurden, hatte ohne Frage eines: Weltklasse.