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Götz Aly
Erschienen
Hitlers Volksstaat - Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus
01/2006
S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt
448 Seiten / € 22,90
Was kostet ein Krieg? Und auf wessen pecuniären Schultern wird er ausgetragen? Der renommierte Historiker und Autor Götz Aly geht in seinem Werk "Hitlers Volksstaat" unter anderem diesen Fragen nach. Dabei weist der Gastprofessor am Fritz-Bauer-Institut der Universität Frankfurt am Main auf einen Aspekt nationalsozialistischen Vorgehens hin, der in der Geschichtsforschung bisher eine eher vernachlässigte Rolle spielte: Wie konnte das NS-Regime das deutsche Volk so lange für sich einnehmen? In vier Teilen mit jeweils drei bis vier Unterkapiteln stellt Aly die These auf, Hitler habe, um es ein wenig salopp zu formulieren, die Deutschen mit bis dahin ungekannten sozialen Wohltaten für sich eingenommen und so "bei der Stange" gehalten. "Führermythos", Glanz und Gloria der außenpolitischen "Erfolge" seien, anders als bislang meist angenommen, nicht die entscheidenden Faktoren für die große Zustimmung der Deutschen gewesen.

Hitler und das NS- Regiment führten Sozialleistungen ein, die das "Tausendjährige Reich" überlebten und von denen bis heute viele Mitbürger glauben, sie seien bundesrepublikanische Erfindungen: Das Ehegattensplitting, das Kindergeld, die Steuerfreiheit für Sonntags- und Nachtarbeit (wurde nach dem Sieg über Frankreich 1940 eingeführt), um nur die wenigsten zu nennen, sind tatsächlich sozialpolitische Ergebnisse des NS-Regimes. Arbeiter fuhren mit der KDF in den Urlaub. Selbst während des Krieges wurden die Renten erhöht und von großen Steuererhöhungen konnte kaum die Rede sein. In der Masse der Bevölkerung schon gar nicht: Den weit überwiegenden Teil der Steuerlast des deutschen Aufkommens zahlten die so genannten "Besserverdienenden".
Das Steueraufkommen insgesamt sei aber vergleichsweise bescheiden gewesen im Vergleich zu den ernormen Aufrüstungs- und Kriegskosten.
Aly weist in der akribischen Art einer groß angelegter Recherche nach, dass zwei Drittel des finanziellen Aufwandes für den Krieg durch Raub, Plünderung an Juden, Ausbeutung der Zwangsarbeiter und Ruinierung der Volkwirtschaften der von deutschen Truppen besetzten Länder Europas finanziert wurde. Dabei habe das nationalsozialistische Deutschland bei seinen Raubzügen keinen Unterschied gemacht, ob das heimgesuchte Land ein Verbündeter gewesen sei (wie die Staaten des Balkans) oder nicht - der Mechanismus der Ausbeutung habe sich stets geähnelt.
Götz Aly gelingt es, eine hochkomlexe finanztechnische Materie mit all ihren Verästelungen offenzulegen und dem Leser in verständlicher Weise zu erklären. So sei Komplizenschaft der besetzten Ländern mit den deutschen Behörden gerade im Bezug auf die Ausbeutung und Arisierung jüdischen Vermögens die Regel gewesen.

Und der "gewöhnliche", "unpolitische" deutsche Soldat? Der habe insbesondere in Frankreich sprichwörtlich wie die "Made im Speck" leben können: Die besetzten Länder seien systematisch ausgebeutet worden, indem alle Nahrungsmittel, die Luxuswaren und alles von Wert von finanziell potenten deutschen Soldaten gekauft und mittels Feldpäckchen in die Heimat transportiert worden sei. Während die Völker Europas hungerten, hätten die Deutschen ihr Wohlergehen auf vergleichsweise hohem Niveau halten können. Besonders anschaulich macht Aly diesen Aspekt durch einige Zitate aus den Feldpostbriefe des späteren Literaturnobelpreisträgers Heinrich Böll, der wie Millionen Soldaten Wein, Stoffe und andere Waren in die Heimat nach Köln schickte und dafür sorgte, dass es seinen Angehörigen gut ging. Das alles sei unpolitisch, aber dennoch indirekt systemstabilisierend gewesen - Aly stimmt damit mit der These des Historikers Dan Diener überein, der in den 1980er Jahren bereits solche unpolitische Alltagshandlungen als systemstabilisierend klassifizierte.

Was kostete der Krieg? Rund 250 Milliarden Reichsmark, rechnet Aly vor. Davon wurden 170 Milliarden Reichsmark (heutiger Gegenwert ungefähr 1,7 bis 2 Billionen Euro) von ausländischen Staaten, in denen deutsche Truppen standen, vornehmlich zwangsweise und stets auf Kosten der jüdischen Bevölkerung, die verfolgt, deportiert und ermordet wurde, finanziert.


Hitlers Volksstaat kombiniert fächerübergreifend Geschichte mit Volkswirtschaftslehre und ist für die nähere Erforschung des Nationalsozialismus ein nunmehr unentbehrliches Werk.

PK