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Erschienen
Not a very silent night mit "Echtzeit"
01/2006
Die Ketscherin Selina Mateo ist am vergangenen Samstag in der RTL-Castingshow „Deutschland sucht den Superstar“ nicht weitergekommen – obwohl sie „beautiful“ sei, wie Jury-Mitglied Heinz Henn unumwunden zugab.
Dass es in unserer Region weitere Aspiranten gibt, die für eine Karriere im Showbiz geeignet sein könnten (es muss ja nicht in einer der billigen Casting-Shows sein), stellte Mitte Dezember die Hockenheimer Formation „Echtzeit“ einmal mehr unter Beweis: Ihr Weihnachts-Special, das im Neulußheimer Kulturzentrum „Alter Bahnhof“ die „X-Mas-Time“ weiter anfeuerte, lockte nicht nur so viele Fans an, dass der Kulturschuppen aus allen Nähten zu platzen drohte, sondern stellten einmal mehr manch Sternchen aus Fernsehen und Radio in den Schatten.

Gleichsam als „Einheizer“ lieferte „New Project“, eine Band mit insgesamt neun Mitgliedern vorrangig im Alter zwischen 10 und 15 Jahren, ihr Debüt ab. Dabei schimmerte einmal der eigentliche Ursprung auch der „Echtzeit“ durch: Beide Bands sind Gruppen der Sing- und Musikschule Hockenheim und „New Project“ verfolgt durchaus auch musikpädagogische Ansätze – früh übt sich, was ein Superstar werden will. Mit einem „Alle Jahre wieder“-Rap lockerten Felix und Eva Eichhorn (10 und 11 Jahre) erst einmal gehörig die Stimmung auf und mit John Lennons „Happy X-Mas“ konnten sich die drei Sängerinnen Romina Afflerbach, Thalia Dietrich und Elisa Pfeifer ins rechte Licht rücken – und die Gesamtatmosphäre für das Konzert vorgeben. Denn auch als dann die „Echtzeit“ unter tosendem Jubel die Bühne betrat, blieb es weihnachtlich.

Damit eröffnete sich die Gruppe, die man inzwischen nicht mehr als Nachwuchsband bezeichnen darf, einerseits ganz neue musikalische Horizonte, bekam allerdings punktuell auch die Gefahren, die eben diese neuen Stile mit sich bringen, zu spüren. Beim Bill-Readdy-Jazz-Trio jedenfalls gerieten die Musiker und Sänger doch etwas aneinander und machten „not a very silent night“. Aber bei einer kurzen Vorbereitungszeit und einigen krankheitsbedingten Unpässlichkeiten verziehen die Gäste das gerne.
Zumal das übrige Programm der „Echtzeit“, die insgesamt eine gute Stunde spielte, vom Feinsten war: So ließen sie Santa Claus „to town“ kommen, träumten den „Wonderful Dream“ der Coca-Cola-Werbung und zeigten mit dem Traditionell „O holy night“ und Brickmans „Hope is born again“, dass es für „Echtzeit“ eigentlich kein Problem ist, in den sanft-stimmungsvollen Titeln die Harmonien gekonnt aus dem Ärmel zu schütteln und sofort danach im rassigen Drive aufzugehen.

Die vokalistische Frontline der Band war einmal mehr sowohl optisch als auch musikalisch ein ausgesprochener Hochgenuss. Vor allem die aus Hockenheim stammende Vanessa Vitkus hat ein ganz bemerkenswertes Organ entwickelt: Mit enormer Power führte sie die Sängerinnen an, behielt dabei immer einen sauberen Ton und wartet inzwischen vor allem mit einfallsreichen Improvisationen auf – das ist Musik, die aus innerster Seele der 16-Jährigen kommt. An ihrer Seite Kira Wolff, die mit Bette Middlers „From a distance“ den „Echtzeit“-Part eröffnete und routiniert und völlig ohne Angst vor dem großen Vorbild und ihrem zerbrechlichen Titel wirkte. Stimmlich etwas angeschlagen war Damaris Meekma. Die 15-jährige Amerikanerin, die erst seit drei Jahren in Deutschland lebt, brachte dafür aber eine ganz bezaubernde Ausstrahlung mit zum Konzert: Im langen roten Samtkleid gab sie Amy Grants „Breathe of heaven“, sanft begleitet von der „Herrin der Tasten“ Maren Eckhardt.

Überhaupt muss betont werden, wie sehr sich „Echtzeit“ hinsichtlich des Bühnenoutfits gemacht hat: Diesmal war jedes Kleidungsstück ganz dem Anlass angepasst und verwandelte die Band mal in „niedliche Santa-Claus-Damen“ und mal in fast festliche kleine Sternchen. „Joy“, ein moderner Weihnachtssong des Dreigespanns Dan Muckala, Grant Cunningham und Brown Bannister, bildete dann den fulminanten Abschluss und bot „Echtzeit“-Drummer Yannick Krupka noch einmal die Möglichkeit, die Sticks tanzen zu lassen – wobei man ihn gerne auch wieder mit seinen trocken-humorigen Ansagen der letzten Konzerte gehört hätte.


Nach diesem Ausflug in fremde musikalische Gefilde und einem ganz bemerkenswerten Anwachsen der Fangemeinde ist „Echtzeit“ reif für den nächsten Sprung, bei dem sie weg muss vom Schulband-Image. Dazu gehört eine professionellere Tontechnik und vor allem eine Musikanlage, die nicht mit dumpfem und kraftlosem Klang die jungen Talente ausbremst.
Bleibt zu hoffen, dass die Musikschule um ihren Leiter Gerhard Nußbaum erkennt, dass mit „Echtzeit“ ein unersetzliches Aushängeschild geschaffen wurde – diese Band zu unterstützen, könnte ein guter Vorsatz sein fürs neue Jahr.
Es wird echt Zeit.

Weitere Informationen im Internet unter http://www.echtzeit-music.de und www.newproject.2page.de.

 

 

 
 

©:www.echtzeit-music.de