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Erschienen
Erstaunliches auf sechs Saiten - Internationale Gitarrennacht im Pumpwerk
01/2006
Den einen bezeichnen sie nur als „phänomenal“ und „Klasse an sich“, den anderen als den „weltbesten unbekannten Gitarristen“ – gemeinsam waren die beiden Ausnahmekünstler Woody Mann aus New York und Thomas Leeb „irgendwo“ aus Österreich Mitte Dezember im Hockenheimer Kulturzentrum „Pumpwerk“ zu Gast beim deutschen Vorzeige-Gitarristen Claus Boesser-Ferrari. Gemeinsam gestalteten die drei Musiker einmal mehr eine „Internationale Gitarrennacht“, die nicht nur diesen polyglotten Titel verdiente, sondern in der langen Tradition mit ihren zahlreichen Highlights einen neuen Meilenstein zu setzen wusste.

Das war natürlich vor allem dem Mann aus den Staaten zu verdanken: Der Fingerpicking-Spezialist, der sein Handwerk beim legendären erblindeten Gitarren-König Reverend Gary Davis erlernte, holte aus seiner gleißenden Metall-Gitarre im Dobro-Style ("walking mirror") strahlende Musik heraus, die sich kaum stilistisch einordnen lässt: Irgendwo zwischen Jazz, Countryblues, Ragtime und Gospel hat er sich ein ganz eigenständiges Genre erschaffen, in das wohl nur Woody Mann selbst hineinzupassen vermag. Phänomenal seine Pickings, die einen Ton in Einzelschwingungen aufzulösen scheinen und in einer zwar atemberaubenden, aber ungemein natürlich wirkenden Geschwindigkeit auf die gefesselten Zuhörer einprasselten. Diese technische Perfektion, die sich nicht selten wie die Pickings Davis auf Daumen und Zeigefinger allein stützt, mischte Mann mit den jeweiligen Themen seiner Stücke zu fast real wirkenden Farben an – ein Geschichtenerzähler mit Tönen. Dabei machte er mal schlitzohrig den „Old George Bush Blues“, setzte dem „Hero“ „Mr. Guitar“ Eddie Lang ein Denkmal mit einem phantasievollen Stück und ließ mit einer warm getönten, von kristallenem Facettenreichtum durchwirkten Musik in einer Ballade den emotional so mitfühlenden portugiesischen „Fado“ auferstehen. Wenngleich seine erdig-bodenständige Stimme durchaus auch ein Hinhören wert war, konnte sie doch nicht mit Woody Manns perfekt swingendem Gitarrenspiel mithalten.

„Offensichtlich a Österreicher“ sei er, gab Thomas Leeb zu bedenken, als er die Bühne als Opener betrat. Tatsächlich brachte er einen gewissen „Schmäh“ mit, als er, aufgefordert, ein Bob-Marley-Medley zu kreieren, das „österreichische Equivalent“, den „Erzherzog-Johann-Jodler“, durch seinen musikalischen Fleischwolf drehte und „Wo ich geh und steh“ zunächst sehr klassisch, dann portionsweise mit immer mehr Beat und Drive anreicherte, bis sich ein „simultanes im Grab Drehen von Erzherzog Johann und Bob Marley“ einstellte, oder den legendären „Oachkatzlschwoaf“ (Eichhörnchenschwanz) bespielte. Dabei hat der in Klagenfurt geborene Endzwanziger, der heute in Californien lebt, durchaus internationale Klasse und ebensolches Repertoire: Das finnische "Akaskero" ließ er in einem liebevoll ausgekleideten Stück greifbar werden, einem „Albino“ in Las Vegas widmete er ein Stück und schließlich setzte er dem vor kurzem verstorbenen Blues-Gitarristen Eric Roche, der erst im März im Pumpwerk zu hören war, ein Denkmal. Immer ist Leeb an einem klassischen inneren Aufbau seiner Stücke interessiert und fühlt sich in melodieorientierten Passagen sichtlich wohl, aber wie er seine Musik umsetzt, wie er das Schnarren und Klirren der Saiten in sein Spiel einfließen lässt, das über weite Passagen ausschließlich auf dem Griffbrett stattfindet, macht ihn zu einem wahren Gitarren-Akrobaten: Bewegende Musik, bewegt in die Saiten gegeben.

Der Gastgeber des Abends, Claus Boesser-Ferrari, zeigte sich bei dieser Gitarrennacht erstaunlich konservativ. Der Mann, der sonst eher für exzentrische Experimente auf seinem Instrument berühmt ist, griff diesmal fast sittsam in die Saiten, als er mit „Floreana“ schweizerische Bergromantik und südamerikanischen Inselflair mischte, die Weill-Ballade „vom Weib und dem Soldaten“ weiterentwickelte und selbst dem Crossover von „Doors“ und Hanns Eisler, das durchaus auf seinem experimentellen Habitus fußte, einen traditionellen, vom Respekt vor den Musikgrößen geprägten Anstrich gab. Grandios schließlich seine Interpretation vom „Schatz im Silbersee“, mit der Boesser-Ferrari die großartige Orchestermusik Martin Böttchers in einer liebevollen Weise fast bubenhaft auf die kleine Gitarre herunterholte.


Woody Mann brachte das, was man als Fazit aus dieser Nacht mitnehmen kann, auf den Punkt: „Amazing, what can be done with six strings“ – es ist erstaunlich, was aus sechs Saiten herauszuholen ist!



Weitere Informationen im Internet unter http://www.woodymann.com, http://www.thomasleeb.com und http://www.boesser-ferrari.de.