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Erschienen
Rilke für Hockenheimer Freigeister: Seibel und Wohlenberg im "Pumpwerk"
02/2006
Unsere Demokratie ist eine „Open-Source-Anwendung“: Jeder darf daran mit rumbasteln und sie ist deshalb eben auch noch nicht so ganz fertig.
Eine ungewöhnlich treffende Analyse unserer gesellschaftlichen Defizite verpackten am vergangenen Samstag im Hockenheimer Kulturzentrum „Pumpwerk“ die beiden Kabarett-Künstler Thilo Seibel und Lüder Wohlenberg in einen satirischen Jahresrückblick. Dabei klemmten der kleine Münchner und der riesige Hamburger das Land und all die Protagonisten in den Schraubstock ihres beißenden Humors, drehten die Skandale und Skandälchen, die politischen Possen und die kleinen und großen Katastrophen durch die Häckselmühlen ihrer losen Mundwerke und präsentierten 2005 als Instant-Jahr in der Hatz unserer Tage.

Im vergangenen Jahr, so warfen sich der flauschköpfige Zwerg und der polternde Zweimetermann die Bälle zu, hat nicht nur das Münsterland dem Osten gezeigt, „dass es auch anderen Regionen schlecht gehen kann“ („Die hatten Notfallpläne - aber auf dem Computer“), trotzte man der Vogelgrippe-Hysterie, weil man ja schon im Feinstaub ein hervorragendes Bedrohungsszenario hatte - es wurde auch perfekt „medial gestorben“: „Mooshammer löste den Tsunami ab“ (rein glotzetechnisch natürlich), Fürst Rainer von Monaco „wurde im Fernsehen mehrere Tage lang zu Grabe getragen“ und schließlich verzichteten zu Gunsten einer Live-Berichterstattung über den sterbenden Papst vom Petersplatz ARD auf Bildung und ZDF auf Volksmusik in ihren Programmen: „Wie ist die Stimmung?“ Verschmitzt und hintersinnig erinnerten die beiden an dieser Stelle noch mal an die Ehrenmitgliedschaft Johannes Pauls bei Schalke, um mit einem „aber am Ende gewinnen immer die Bayern“ fast genial zum nächsten Thema überzuleiten: „Wir sind Papst“ – „das heißt doch auch, wir alle sind unfehlbar. Das haben wir uns nach 60 Jahren doch verdient.“

Eben darin liegt das Erfolgsrezept der beiden außergewöhnlichen Kabarettisten: Ihnen gelingt die Politisierung jedes Ereignisses, ganz ohne dass man sich dabei gedrängt oder gezwungen vorkommen müsste. Die beiden ziehen Schlüsse, von denen sie uns klar machen, dass sie völlig offensichtlich sind: Wenn Ursula von der Leyen als „Maria voll der Gnaden“ mit sieben Kindern „Minister für Kinder und Arbeit und Kinderarbeit“ werden soll, dann muss doch auch Roland Koch „Minister für Clearasil und jüdische Vermächtnisse“ werden.
Überhaupt war es eben das Personal als Primärfeld der Politik, das die beiden Jahresrückblicker zu Höchstformen auflaufen ließ: „Deutschland kann nur im Absurden regiert werden – und da hat Angela Merkel gesagt, 'Da bin ich dabei'“. Da werden die Parteifarben rauf und die Karriereleitern runter politische Eliten in Abwandlung der hehren Wahlprogramme als „Pack für Deutschland“ entzaubert: Der CSU-General „Södermarkus“ wird zum „Elektriker der CSU“, der die Massen mit Kurzschlüssen elektrisiert, Köhler zum „Bundes-Horst“ („das, wo der Bundesadler sein Ei reinlegt“), Sigmar Gabriel und Kurt Beck zum „eigentlichen Fleischskandel“ („Ekelerregend, aber noch nicht gesundheitsgefährdent“) und Angela Merkel, die uns mit ihrer „Politik der kleinen Schritte“ zu „Tippelbrüdern“ machen würde, zur „Mutter der Nation“ („sie sieht ja auch schon etwas aus wie Inge Meysel“). Schließlich erklären die beiden auch noch haarklein, warum Joschka Fischer so beliebt war: Nicht nur, weil er Frauen heiratete, die Gerhard Schröder höchstens als Tochter adoptiert hätte, sondern auch, weil einer, der als Ex-Taxifahrer mit einem Frankfurter Faltplan umgehen kann, locker eine „Roadmap“ hingepinselt bekommt.

Treffende Argumente für ein Weltbild aus Halbwahrheiten, die mit viel Chuzpe und einem Hauch Wahnsinn zusammengezimmert sind, bereiten Seibel und Wohlenberg in ihrer Historien-Show auf mit absurden kleinen Zeitungsausschnitten und herzerfrischenden Parodien. Überhaupt ist es der kleine Seibel, der dem Programm diese enorme Vitalität einbläut: Als er sowohl als „Ede“ Stoiber und Gerhard Schröder, als auch als Schimpanse so lebensecht durch seine Nummern hampelte, tobten die Massen ebenso, wie bei seiner Verkörperung des „gemeinen Bürgers auf dem Holzweg“ („man muss den Wähler da abholen, wo er ist“) – „Ich weiß doch als Wähler gar nicht mehr, was ich bin: Konservativ, progressiv oder depressiv“.

Dazu mischte der immer am Rande zum Ausraster entlangpolternde Wohlenberg einen Hauch von Pisa-Intellekt, der gerade in dieser aufgesetzten Borniertheit mitreißend komisch wirkte, eine Art „Rilke für Hockenheimer Freigeister“. Wenn er das Ergebnis einer Studie auf die bundesdeutsche Realität anwendet: „Kinder ohne Freunde gehen später häufig in die Politik oder in Kirchen – Das trifft die CDU doppelt“. Wenn er im Computer-Wahlverfahren der NRW-Wahl den Grund für den Machtwechsel heraustechnisiert: „Sind sie sicher, dass sie SPD wählen wollen – Schwerer Ausnahmefehler, wir haben ihre Stimme sicherheitshalber der CDU zugeschrieben“. Oder wenn er das Paradoxon der SPD in Sachen „Vertrauensfrage“ hinterfragt: „Wer für mich ist, muss auf jeden Fall gegen mich sein“.


Es ist eine Wohltat, wenn politisches Kabarett in so spitzzüngiger Genialität daherkommt und dabei dennoch aufklärerisch und vorwärtsorientiert bleibt. So zogen Seibel und Wohlenberg ihr Fazit über die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft in einem einfachen, kaiserfranzbeckenbauerlichen Zitat: „Es gibt nur eine Möglichkeit: Sieg, Unentschieden oder Niederlage“.