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Erschienen
Das „Reich der Beduinen“ in Wort und Bild
02/2006
Trotz einer durch globale Berichterstattung und moderne Reisemittel immer kleiner werdenden Welt gibt es nach wie vor Flecken auf unserem Planeten, die hierzulande wenig bis gar nicht bekannt sind. Zu diesen gehört zweifelsohne die Wüsenhalbinsel des Sinai, die allenfalls durch das zähe Ringen zwischen Israel und Ägypten in den ausgehenden 1970-er Jahren und jüngst durch den Anschlag der Terrorgruppe „al-Quaida“ im Badeort Sharm El-Sheikh kurz ins Blickfeld des deutschen Publikums gelangt ist. In dieses unbekannte, auch sagenumwobene „Reich der Beduinen“ entführte am vergangenen Freitag Abend die Fotografin und Reiseveranstalterin Andrea Nuß die Gäste im eher spärlich besetzten Kleinen Saal der Hockenheimer Stadthalle.

Nuß, die 1996 fast ungeplant in die unwirtliche Gegend gelangt war, um der Unzufriedenheit mit dem westlich-indoktrinierten Leben ein Ende zu bereiten, ist in den vielen Jahren, in denen sie regelmäßig zu Gast in der heute zu Ägypten gehörenden Region war, zur engen Vertrauten der Beduinenfamilie Mohamed Khudairs geworden. Die ungewöhnlichen Einblicke in die aus lange überlieferter Tradition eher verschworene Kultur der Wüstenbewohner hat die Mittdreißigerin in einem rund zweistündigen Diavortrag zusammengetragen.

Die strengen Familienrituale, das alltägliche Leben der „einfachen Leute“, aber auch die herausragenden Höhepunkte im Kalender der Halbnomaden bettete sie dabei ein in die Rahmengeschichte der frisch verliebten Dschmia, der jüngsten Tochter Mohameds. An diesem Leitmotiv entlang präsentierte Nuß eindrucksvolle Bilder und Geschichten aus dem Reich von Sand, Staub und Hitze.

Sie streifte dabei auch die Kulturschätze der Region, die als „Hoheitsgebiet“ des Stamms der Mozaina gilt: Die Gegend von Sharm El-Sheikh über Dahab und Nuwiba bis zum Fuß des Hochgebirges im Landesinneren beheimatet unter anderem das berühmte Kloster St. Katharinen, von dessen Anlage man einen atemberaubenden Sonnenaufgang bewundern kann und das die nach dem Vatikan zweitgrößte Sammlung mittelalterlicher Handschriften unterhält, und die 6000 Jahre alten Grabstätten von Novamis.

Viel erfuhr man daneben vom Familienleben der Mozaina: Dschmia, die sich jung in Rashid verliebt, kann ihren Heiratswunsch nicht beim Vater vorbringen, der einen anderen auserkoren hat. Die Mutter muss das Glück der Tochter in die Hand nehmen, um Mohamed den unliebsamen Nebenbuhler auszureden.

Es sind die anekdotenhaft vorgetragenen „Geschichtchen“ hinter der eigentlichen Geschichte, die einen gewissen Reiz bei dieser Diavision ausmachen: Wie die Mädchen trotz Verschleierung ausgiebig flirten können, weil ja das dafür wichtigste Instrument, die Augen, frei bleibt; wie man trotz geschlossener Klostermauern doch noch zu einem Zimmer in der Klausur kommen kann; und wie einem Reiter beim größten Kamelrennen der Gegend sein Tier verlustig geht.

Wer monumentale Landschaftsaufnahmen erwartet hatte, wird zwar nicht ganz enttäuscht, weil Andrea Nuß immer wieder kleinere Passagen mit Momentaufnahmen der ausgedörrten und von den Umwelteinflüssen bizarr gestalteten Wüstenlandschaft einstreut. Doch liegt ihr Hautaugenmerk eindeutig auf den Menschen, die der Gegend verblüffende Lebendigkeit verleihen.

Wie sie mühsam versuchen, dem kargen Boden noch ein wenig Nahrhaftes abzuringen. Aber auch und vor allem, wie unbeschwert sie mit ihrer in unseren Augen oftmals schwierigen Lebenssituation umzugehen verstehen.

Dennoch: Man konnte sich punktuell des Eindrucks nicht erwehren, der Diavortrag schwimme für Andrea Nuß mehr in der Bugwelle ihrer Reiseangebote, bei denen sie Touristen durch die Wüsten schleust.

Technisch enttäuschte „Wüsten – Im Reich der Beduinen“ allumfassend: Der schlechte Ton der selbst mitgebrachten Anlage wurde immer wieder von den allzu lauten Diaprojektoren in 4-fach-Überblendtechnik durchbrochen, die visuellen Eindrücke konnten nicht immer mit den klanglichen Einspielungen synchronisiert werden.


Alles in allem bleibt ein intensiver Einblick in die Lebensweise der Wüstenvölker, den man sich technisch besser umgesetzt gewünscht hatte. Schließlich leben wir hier – und nicht in der Sahara.