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Erschienen
Cooler Wolf trifft famoses Schaf - Kindertheater im Pumpwerk
02/2006
Ein wenig ärgert er sich über sich selbst: Da hat er nichts daheim und muss „bei diesem Hundewetter außer Haus essen“. Der Wolf ist unterwegs durch Wald und Schnee und entdeckt in einem Bauernhof, an dem er mit seinem Schlitten vorbeikommt, sein „Restaurant“.

So beginnt die Kindergeschichte „Ein Schaf fürs Leben“ der niederländischen Autorin Maritgen Matter, die sie zusammen mit der deutschen Illustratorin Anke Faust bei Oettinger aufgelegt hat und die 2004 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis in der Sparte „Kinderbuch“ ausgezeichnet wurde. Am vergangenen Samstag hat das faro-theater aus Bad Waldsee im Hockenheimer Kulturzentrum „Pumpwerk“ die Geschichte als Puppentheater inszeniert.

Die Tierfabel beschäftigt sich mit dem guten alten Dualismus zwischen Wolf und Schaf, zwischen Jäger und Opfer und verkehrt sie in wunderbarer Weise in eine Reise ins ferne Land „Erfahrungen“; anders als in vielen anderen Kindergeschichten lässt Matter dort aber nicht Milch und Honig fließen – allenfalls „gesundes Brot und ordentlicher Aufstrich wird da sein“: Dieser ungewöhnliche Realismus beeinflusst die Geschichte maßgeblich. Wolf trifft Schaf im Bauernhof. Weil er ihr Gezeter – und die damit vielleicht einhergehenden Hufe von Esel - fürchtet, will er das Schaf vom Hof weglocken und verspricht ihm eine Schlittenfahrt mit viel Spaß – bis ins ferne Land „Erfahrungen“. Schaf ist beeindruckt von Wolf, der mit frisch geleckten Haaren, schön geputzten Schuhen, Stil und Dichtkunst daherkommt. Der plant natürlich die ganze Zeit, das Schaf zu fressen. Aber immer mehr wird er von der Naivität des Wolltiers, von dessen Liebenswürdigkeit gefangen genommen. So lässt sich der Wolf immer wieder dazu hinreißen, sein „Festmahl“ noch einmal zu verschieben – „es kann schließlich Seilchenspringen“. Als er sich von Schaf überreden lässt, es auch einmal zu versuchen, bricht der Wolf im See ein – aber Schaf rettet im das Leben, schleppt ihn in ein Haus, das sie findet, und legt ihn ins Bett. Ohne es zu wissen, hat sie Wolf nach Hause gebracht.

Hier gleiten dann viele Kindergeschichten in ein „Heile-Welt-Klischee“ ab, in dem Wolf und Schaf in tiefer Freundschaft bis ans Ende ihrer Tage ... Matter löst das Grundproblem anders, bleibt der Realität verpflichtet und versucht nicht darüber hinwegzutäuschen, dass es zwischen „Fressfeinden“ keine friedliche Koexistenz geben kann: Wolf warnt das Schaf, dass es verschwinden muss. Weil er weiß, wie sehr es an die Freundschaft zwischen ihnen beiden glaubt, erzählt er ihm, er leide an einer Krankheit, die auch für Schaf tödlich enden würde. Daraufhin macht sich Schaf auf – ins offene Ende der Geschichte.

Hier stieg Veronika Degler, die Schauspielerin des faro-theaters, bei ihrer Inszenierung aus der Vorlage aus: Ein Familientheater, das hatte sie richtig erkannt, verträgt bei einer Geschichte mit so viel Spannung und existentieller Bedrohung kein offenes Ende. Denn das wird an Matters Buch zu Recht kritisiert, dass es für kleinere Kinder eigentlich ungeeignet ist. Degler lässt den Wolf und das Schaf weiter zusammenkommen und Abenteuer erleben – aber nur, wenn der Wolf sattgefressen ist. Natürlich: Eine künstliche, eine ein wenig auch „aufgesetzte“ Illusion. Aber dadurch eben auch für kleinere Kinder verdaubar.

Den Rest der Geschichte setzte Degler mit einem einfachen, aber phantasievollen Bühnenbild um, in dem jeder Gegenstand eine bestimmte Funktion einnehmen konnte, oder einfach die Landschaft gestaltete.

Die beiden Handpuppen von Wolf und Schaf beeindruckten das mit Kindern bis in die hintersten Reihen vollgepackte Haus besonders: Lange standen die Kleinen nach der Aufführung, die von einer ganz bemerkenswert gespannten Atmosphäre geprägt war, am Bühnenrand, um Wolf und Schaf zu inspizieren.


Man mag darüber streiten, ob die „Heile Welt“, die das faro-theater aufgebaut hat, der Buchvorlage angemessen ist. Aber vielleicht sollten wir wenigstens unseren Kleinsten die Chance lassen, Träume zu haben, die jenseits dessen sind, was wir Realität nennen.