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Erschienen
Des Glück liegt knapp newa de Kapp: Armin Töpel in Hockenheim
02/2006
Eine Art künstlerisch-therapeutische Selbstanalyse konnten die Besucher, die Mitte Januar das Hockenheimer Kulturzentrum „Pumpwerk“ – übrigens zum wiederholten Male seit dem Jahreswechsel - aus allen Nähten platzen ließen, miterleben: Eine Selbstaussöhnung zwischen Schöngeist und Rebell, zwischen Denker und Macher, zwischen Anspruch und Vernunft. Der Heidelberger Kabarettist und Musiker Arnim Töpel, der wie kaum ein zweiter die Geschichte des Musentempels mit gestaltet hatte, wie Kulturmanager Lothar Blank richtigerweise anmerkte, machte bereits in den vergangene Jahren mit seinen Programmen „Sex ist keine Lösung“, „Rechtzeitig gehen“ und „Ausgelacht“ eine Art Stationenlauf hegelscher Dialektik durch: These und Antithese. Der Mann, der als „Blues-Denker“ und „Philosoph unter den Kabarettisten“ ausgezeichnet wurde, versuchte in der jüngsten Vergangenheit fast krampfhaft, seine Anfänge hinter sich zu lassen, die Zeiten des Klamauk, die sich im 1991er-Tophit „Hallole, isch bins, de Günda“ zu manifestieren scheinen, abzustreifen. Durchgeistigt und kritisch wurden seine neueren Programme: „Moralische Anstalten“, wie er „Ausgelacht“ untertitelte.
Es ist also einerseits überraschend, andererseits im philosophischen Sinne absolut folgerichtig, dass Töpel nun ein Mundart-Programm auflegt. „Newa de Kapp“ ist die Synthese alles bislang dagewesenen Töpelhaften im klassischsten Sinne: Die spekulative Vernunft bewirkt das Zusammentreten von Spruch („Günda“) und Widerspruch („Geist“) in der „höheren“ Vereinigung der Widersprüche, die dadurch aufgehoben werden: „Hallole, isch bins, de Anim“.

Auch wenn er in seiner „Sproch“ einen Teil seiner Heimat sehe, seiner Geschichte und seiner Erfahrungen, habe er lange ein Mundart-Programm gescheut, weil er sich nicht nur lustig machen wollte über sprachliche Defizite und falsch ausgesprochene Fremdworte. Wie nervig dieses Herumtrampeln auf dem kurpfälzer Dialekt sein kann, beweisen „Chako“ und Konsorten ja ausgiebig. Es geht auch anders, das veranschaulicht Arnim Töpel mit „Newa de Kapp“ auf eine wirklich beeindruckende Weise.

Auch wenn Mundart wegen ihres Variantenreichtums nicht ganz ohne Risiko sei, weil man ja eigentlich für jeden Straßenzug ein eigenes Programm machen müsste (die lebhaften Diskussionen über die korrekte Aussprache des Wortes „Mäabs“ [=süßes Teilchen mit Streuselauflage] in der Pause mag als Beispiel dienen), vermochte es der ehemalige Radio-Talker, die Liebe zu seiner Heimatsprache, die beileibe nicht seine Muttersprache war, aufzuzeigen: Dem in einer hochdeutschen Familie aufgewachsenen Buben schallte draußen in der Welt schon früh ein „Willsch ä Guuzl?“ entgegen und er folgerte bereits als Säugling, dass sich dahinter mehr verbergen muss, als eine „reflexhafte Infantilisierung der Erwachsenen“ beim Anblick eines Babys – die Lebensart, das von der Sprache allumfassend beeinflusste Denken machte er sich – auch mit Hilfe seiner Freunde – zu eigen. Aus dem verstörten, etwas unfähigen kleinen Arnim wurde ein stattliches, nicht immer perfektes, aber durchaus überlebensfähiges „Landei“: Der „Günda“.

Eindrücklich schilderte Töpel in seinem Programm dann auch seine Versuche, diesen wieder los zu werden. Aber der alte Slang verschaffte sich Raum und kein Therapeut konnte gegen die gelegentlichen Durchbrüche in Form eines „Des isch jo än Hannebambl“ etwas tun. Heute kann Arnim gut mit „Günda“ leben, denn er hat durchschaut: Eigentlich ist er seine „Innere Stimme der Vernunft“.

Es liegt gerade in dieser Wendung das markante am neuen Programm: Der Schöngeist, das sprachliche Genie, der wortreiche Poet lässt sich ohne Scham und ohne Minderwertigkeitsgefühle schulmeistern von dem, den er als wirkliches Großes und Ganzes erfährt.

Arnim Töpel bringt mit „Newa de Kapp“ gleich zwei große Geister auf die Bühne und es ist kaum verwunderlich, wenn dabei auch ganz neue Erkenntnisse zutage gefördert werden: „Isch bin än Zweifler – isch glaab neddemol, was isch wees“. Aber genau darin liege ja auch der eigentliche Ausweg aus unserer zivilisatorischen Misere, die uns immer weiter in den Sog von Kriegen und Zerstörung reiße: „Weesischnet“ als Ziel der Erkenntnis „Dabbisch is net bleed“ – dann bliebe in einem von unnützem Wissen, das sich ohnedies jeden Tag selbst überhole, befreiten Verstand Platz für die Bildung, die wir wirklich bräuchten: Herzensbildung.

Dazwischen streut er neue Lieder in der bekannt fesselnden Machart: Großvaters Gutenachtgeschichte, in der dieser das Paradies gegen sein „stinknormales“ Leben eintauschte („Ich hätt, was ich mir wünschte, awwer Du, Buwl, wärsch net do!“), die tiefe Einsicht in die Unausweichlichkeiten des Lebens in „Was sagt es Lewe? Du kannsch's net hewe“ und der ruhige liebevoll-bluesige Titel „Helde sin selde heit“. Dazwischen streute Töpel einen „Fa umme“-Rap, und ein Teil-Remake des alten Hits „Irgendwie sind wir alle kleine Ärsche“ mit „Guck mol do, mir sin dabbisch, awwer froh“.


Der neue Arnim Töpel stellt sich geläutert, gereinigt und mit sich selbst vereint vor und hat vielleicht gerade darin einen weiteren Schritt zum eigenen Heil gefunden: „Wem g’herschn Du? Wo gehsch’n hie? Alles Suche nützt nix: Du musch g’funne werre!“ Aber in diesem Neuen liegt genau die Kontinuität des unschlagbaren Ausnahme-Kabarettisten. Wie brachte er es gleich mit seinem Titelsong zum Programm zum Ausdruck? „Des Glück liegt knapp newa de Kapp – isch muss doch net suche, was isch schun hab“.

Un dodemit ist die Beer g’schält!