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Erschienen
Gut getürkt ist halb gewonnen - Bülent Ceylan in Hockenheim
02/2006
Wie bereits vor rund eineinhalb Jahren bescherte der „Kurpälzer Türk“ Bülent Ceylan Ende Januar dem Hockenheimer Kulturzentrum „Pumpwerk“ zwei Vorstellungen, die nicht nur ausverkauft waren, sondern auch ein Publikum am Rande zur Ekstase beherbergten. Eng ging es zu, weil der Mannheimer Comedian sich auch von Kritikern nicht dazu bewegen ließ, in einen größeren Saal umzuziehen: „Die Stadthall is nix – isch bleib im Bumbweag“. Aber räumliche Enge in Kombination mit herzhaftem und ausgelassenem, teilweise fast hysterischem Lachen, das ist genau die Kombination, aus der die klassische Ceylan-Atmo aufsteigt: Gröhlen bis der Arzt kommt – und der hat dann sicher eine Baseballkappe auf und stellt sich mit „Harald“ vor.

Mit seinem neuen Programm „halb getürkt“ schließt der „Mannheimer Bu“ eines türkischen Vaters und einer deutschen Mutter fast nahtlos an den Vorgänger „Döner for one“ an: Altbekannte Figuren wie eben jener kultig-tumbe „Harald“ als Standard-Vertreter des Quadratestadt-Prols, aber auch der findige Aslan, der wieder einmal windige Geschäftsideen mit seinem „Cheff“ im Himmel aushandelt, sind darin ebenso vertreten, wie neue Gesichter, mit denen Ceylan sein Repertoire weiter ausdifferenziert.

So ist künftig der „finnische Kult-Power-DJ“ Lasse Hopsen mit an Bord, der allerdings bei den jüngsten Auftritten in der Rennstadt nur halbe Kraft fahren konnte, weil Ceylan krankheitsbedingt stimmlich stark eingeschränkt war. Ein neues absolutes Highlight die Grazie Anneliese: Die Frau eines fiktiven Pelzhändlers („Als Mannheimer braucht ma immer mol ä dickes Fell“) feilte daran, ihre Umgangsformen zu kultivieren und verfiel trotzdem immer wieder auf wirklich köstliche Weise in den von ihr so verachteten Dialekt. Vor allem aber erlaubte sie einen Eindruck von einer ganz anderen Seite des Ceylan: Weg vom ansonsten doch auf altbekanntem Niveau herumkalauernden Zwerchfell-Masseur hin zu einer fast genial hintersinnigen Wortspielerei mit aufkeimendem gesellschaftskritischem Anspruch. Da macht Anneliese dann klar, dass für jeden bei uns verkauften Nerz „in Mecklenburg-Vorpommern einem Kind der Krippenplatz und seinen sozial schwachen Eltern das Premiere-Abo finanziert“ werden könne – deshalb sei der Trend zum Zweitnerz nur zu unterstützen, weil „Nerz II teilweise sozialer als Hartz IV“ sei.

Wenn die „Dame“ dann mit der Feststellung „Seit mein Mann sich den rechten Arm im Tresor eingeklemmt hat, macht er alles mit Links – Was bedeuten schon Arme, wenn man reich ist“, den intellektuellen Höhenflug beendet, darf man sich als verständiger Zuschauer durchaus fragen, warum Bülent es bei ganz kleinen Blitzen dieses etwas sinnigeren Stils belässt. Einfache Antwort des Comedian mit Seitenblick auf die Presse: „Ihr könnt ruhig schreibe ´Depp` - hauptsach es ist ausverkauft“.

Damit bringt Ceylan es selbst auf den Punkt: Seine Machart der Comedy, die nach wie vor besonders stark von Regisseur Geriet Schieske und dessen von "RTL Samstag Nacht" und "Hausmeister Krause" bekannten Stil geprägt ist, findet ihre Abnehmer in einem sehr speziellen Publikum, mit dem der „Halbtürk“ in einer wirklich beachtlichen Weise in Zwiesprache tritt. Es ist genau dieses Publikum, das er braucht, damit an der richtigen Stelle auf die Frage, was Mann und Frau unterscheide, einer „30 Zentimeter“ reinbrüllt. Gesucht, gefunden und alle sind glücklich. Denn in dieser Kombination aus Mime und Auditorium kann Ceylan das am besten entfalten, was seine bisherige Machart prägt: In Windeseile und mit ganz wenigen Requisiten wechselt er die Charaktere, die er durchaus überzeugend verkörpert. Er bringt mit seinen Charakterstudien die Schwächen der einzelnen Vertreter auf den Punkt und entlarvt uns alle als Mischungen aus Hassan, Harald, Anneliese und Karl-Heinz. Bleibt nur die Frage, wer in der persönlichen Melange die Oberhand gewinnt.


Auf diese Art verlangte Ceylan seinen Gästen einmal mehr keine intellektuellen Höchstleistungen ab und beschränkte sich darauf, deren konditionellen Status in Sachen „Dauerlachanfall in höchster Lautstärke“ zu testen – und zumindest da schnitten die Anneliesen und Karl-Heinze super ab.



Weitere Informationen im Internet unter http://www.buelent-ceylan.de.