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Johannes Hoffmann
Erschienen
Am Rande des Hitlerkrieges
02/2006
Gollenstein Verlag GmbH, Blieskastel
184 Seiten
Es gibt Bücher, die sich als richtige Kleinode erweisen. Johannes Hoffmanns "Am Rande des Hitlerkrieges" ist ein solches Juwel. Jahrzehnte schlummerte dieses bereits 1948 erstmals erschiene Büchlein in der Versenkung vor sich hin, bis es im Jahr 2005 von den Herausgebern Franz Schlehofer, Rudolf Warnking und Markus Gestier neu aufgelegt wurde. Der spätere Ministerpräsident des Saarlandes, Johannes Hoffmann, schildert darin seine Flucht vor den deutschen Besatzern im Frankreich des Frühsommers 1940.

Der besondere Reiz der "Tagebuchblätter", wie es im Untertitel heißt, liegt in deren Unmittelbarkeit und Authentizität. Der Autor schrieb im unbesetzten südlichen Teil Frankreichs im Herbst 1940 detailliert und mit hoher sprachlicher Qualität - Hoffmann war vor seiner Emigration im Januar 1935 einer der führenden Journalisten der Saar - seine Erinnerungen über die bewegenden vergangen letzten Monate nieder. Seine Odyssee durch Frankreich begann im Mai 1940, als französische Behörden alle deutschen Staatsbürger und Deutschstämmigen aufforderten, sich in den Polizeipräfekturen zu melden. Der deutsche Emigrant arbeitete zu diesem Zeitpunkt bei Radio Straßburg, das von Paris aus seine Rundfunksendungen ausstrahlte, als Redakteur. Entgegen anderslautender Zusagen hoher französischer Beamter wurde er in der Pariser Präfektur zusammen mit 120 Mann tagelang auf engstem Raume in einem nur drei mal sechs Meter großen Zimmer gefangen gehalten.

Die Gemütslage Johannes Hoffmanns verschlechterte sich zusehends, und er begann, an Frankreich zu zweifeln: "Jede Menschlichkeit scheint in Vergessenheit geraten zu sein im Lande der Menschenrechte. Ich kann und will nicht glauben, dass dies das Gesicht Frankreichs sei."

Der Enge der Präfektur folgte ein Sportplatz, einst Austragungsstätte deutsch-französischer Fußballländerspiele, der zu einem Lager umgebaut worden war. Die Atmosphäre im Lager "Buffalo" gibt der Autor in einer erstaunlichen Dichte wieder, die dem Leser einen tiefen Einblick auch in das Innenleben der Gefangenen ermöglicht. Im Lager entstand ein blühender Schwarzhandel, der von einem Mitgefangenen, einem reichen deutschstämmigen Juden, beendet wurde, weil der an die Armen Kaffee und Tabakwaren kostenlos "verkaufte". Aus diesem in der Nähe von Paris gelegenen Ort wurde Hoffmann samt Leidensgenossen in das Lager Audièrne im äußersten Nord-Westen Frankreichs gebracht. Auf diesem ehemaligen Fabrikgelände mussten die Deutschen die erste Zeit im Freien übernachten, während die Österreicher alles vorhandene Stroh in der Baracke für sich beanspruchten. Hoffmann schildert auch die inneren Konflikte der französischen Lageraufseher, die von den Gefangenen aufgefordert wurden, sie freizulassen. Die Gefangenen machten klar, dass sie zum Teil seit Jahren in Frankreich lebten und ihre Söhne in Frankreichs Armee dienten. Beispielhaft erwähnt Hoffmann, dass ein deutscher Emigrant aus Köln, der in der Fremdenlegion gedient hatte, in voller Montur samt Ehrenkreuz (einer der höchsten französischen militärischen Auszeichnungen) zum Morgenappell antrat.

Erst als die deutschen Truppen bereits in Reichweite des Lagers waren, gelang Hoffmann die Flucht. Ihm schloss sich ein älterer Herr, den der Autor "A." nennt, an. Was folgte, war eine mehr als dreiwöchige "Wanderung" durch Frankreich - immer in der Angst, von den Deutschen aufgegriffen und verhaftet zu werden - was wohlmöglich den Tod bedeutet hätte. Zahlreich war die Hilfe von Franzosen, von denen die beiden Flüchtlinge aufgenommen, zum Teil unentgeltlich mit Cidre und Speck bewirtet, in Fluchtwege eingeweiht und unter dem Einsatz des eigenen Lebens über Flüsse gebracht wurden. Dieser Teil des Buches ist eine Hommage Hoffmanns an Frankreich, an seine Menschen, an die Kultur, an die gelebte christliche Nächstenliebe. Es bezeugt aber auch, wie sehr Johannes Hoffmann im Christentum verwurzelt war. Stets hielt er Zwiesprache mit seinem Gott. Den Sinn des schweren Leidens, das Gott in jener Zeit der Menschheit aufbürdete, lag Hoffmanns Auffassung nach darin, die Menschen wieder zur Besinnung auf die ewigen Werte zu zwingen. Mit dem Erreichen des freien Teils Frankreich am 15. Juli 1940 bei Chauvigny endete die Flucht vor den deutschen Besatzern. Die Wege Hoffmanns und A. trennten sich. Leider erfährt der Leser nicht, wer A. war und was aus ihm geworden ist - nur soviel: Ohne A. wäre die Flucht sicherlich nicht geglückt. Mehrmals war es A., der Hoffmann und sich vor einer möglichen Verhaftung rettete. Eine Geschichte ereignete sich nachts, als die beiden in einem Holzhaus Unterschlupf fanden, und plötzlich deutsche Soldaten nach Eiern fragten. Hoffmann und A. vergruben sich unter ihren Decken und A. verstellte seine Stimme, so dass die Soldaten dachten, es handele sich um ältere Frauen und antwortete, dass sie keine Eier und Hühner hätten. Beim Fortgehen sagte der eine Soldat zum anderen in breitem Saarbrücker Dialekt : "Ma mennt jo grad, das wäre Flüchtlinge!"

Dem Nazinetz entkommen, fand Hoffmann Unterschlupf in einem Kloster in der Nähe von Avignon. Im Nachklang der Arbeit schildert der Autor seinen Weg über Spanien, Portugal bis ins brasilianische Exil. Abgedruckt ist ferner der erste Artikel Hoffmanns nach seiner Rückkehr in die Saarheimat in der "Neuen Saarbrücker Zeitung" vom 29. September 1945.

Hoffmann ist darin seiner Zeit gut zwanzig Jahre voraus. Er fordert in diesem Artikel die Bürger zu mehr Mut zur Wahrheit im Umgang mit der NS-Vergangenheit auf - ein Unterfangen, welches erst Ende der 1960er Jahre breiteren gesellschaftlichen Anklang fand. Eine große Bereicherung des Buches bilden die Anmerkungen des Wuppertaler Historikers Heinrich Küppers, der den Lebensweg Johannes Hofmanns in einer Art Kurzbiographie näher bringt. Küppers veranschaulicht dabei auch auf einer Karte den Fluchtweg Johannes Hoffmanns. Den Abschluss dieses auf ganzer Linie gelungenen Buches bildet eine Zeittafel mit den wichtigsten Stationen des Lebensweges eines der größten Söhne, die das Saarland im 20. Jahrhundert hervorgebracht hat.


"Am Rande des Hitlerkrieges" ist ein Geschichtsbuch par excellence. Ein Buch voller Menschlichkeit und Liebe eines Mannes, der als saarländischer Ministerpräsident vielen Angriffen ausgesetzt war, in Wirklichkeit aber zu den europäischen Visionären gezählt werden muss. Es liest sich spannend wie ein fiktionaler Krimi, doch es ist ein Tatsachenbericht, der fesselt und zum Nachdenken anregt.

PK