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Wolfgang Zdral
Erschienen
Die Hitlers.
Die unbekannte Familie des Führers
03/2006
Campus Verlag GmbH, Frankfurt/M.
262 Seiten / € 24,90
Eine seltsam schreckliche Familie, diese Hitlers. Ein Clan, der sich als solcher nicht sieht, untereinander enge inzestuöse Verbindungen betreibt, voller Möchtegern-Parvenüs ist und der sich am Ende ins Nichts auflöst.

Der studierte Volkswirt und Politikwissenschaftler Wolfgang Zdral beschäftigt sich in sieben gut gegliederten Kapiteln mittleren Umfangs mit der Kernfamilie des aus Österreich stammenden spätern deutschen Kanzlers und Diktators Adolf Hitler. In Portraits und Kurzbiografien versucht der Autor, die unverwechselbaren Wesensmerkmale der Hitlerfamilie herauszuarbeiten und reiht dabei das Leben der Mitglieder sowie ihr Verhältnis zum berühmtesten Hitler aneinander.

Ausgangspunkte der Schilderung bilden die Darstellung der Lebensgeschichte der Eltern Adolf Hitlers und die Kindheitsjahre des zukünftigen Jahrhundertverbrechers in der österreichischen Provinz. Dieser Teil der Arbeit gehört eindeutig zu den schwächeren. Der Leser bekommt auch in sprachlicher Hinsicht in monoton dahinratternder Art Wiedergekäutes erzählt, welches eine Anzahl von renommierten Historikern bereits längst vor dem Redakteur der Zeitschrift "Capital" berichteten. Der interessierte Leser, der sich mit der Person Hitlers bereits beschäftigt hat, kann die ersten ein bis zwei Kapitel getrost in zügigem Tempo überfliegen.

Was darauf folgt, ist ein wahrhaft zu lobendes, exzellentes Sachbuch mit hohem Erkenntniswert, welches sich gut und gerne lesen lässt. Zdral scheint wie ausgewechselt - ist es doch oftmals einfacher, selbst recherchierte Ergebnisse darzustellen, als Zusammenfassungen von bereits bekannten Tatsachen wiederzugeben. Die Lebensgeschichten der Geschwister, ob von halber oder ganzer Natur, sowie der Nichten, Neffen samt Anhang mit all den Facetten der Bedeutung, ein "Hitler" zu sein, schildert der Absolvent der Deutschen Journalistenschule in bester Manier seines Berufstandes. Akribisch und mit detektivisch anmutendem Gespür rekonstruiert der Autor die Lebensstationen der Familienangehörigen zum Teil mit Angabe der Ortsnamens, Straßen und Hausnummern.

Besonders gelungen ist die Geschichte der Hitlernichte Angela Raubal, mit der "Onkel Adolf", wie "Geli" ihren Verwandten nannte, eine amouröse Leidenschaft verband, und die tragisch mit der Selbsttötung der Jüngeren im Jahre 1931 endete. Der Leser erfährt sehr viel über die Persönlichkeitsstruktur Raubals, ohne dass Zdral dabei ins banale Psychologisieren abzugleiten droht: So auch über ihre gewisse Vorliebe zu älteren Männern, wie die zu Hitlers Fahrer Emil Maurice, der wegen eines Bombenanschlages auf die Mannheimer Börse in den 1920-er Jahren für einige Monate im dortigen Landesgefängnis einsaß. Auch boulevardeske "Geschichtchen" wie die, dass "Geli" im Teenageralter eine gute Bekannte des späteren Mitbegründers der Österreichischen Volkspartei (ÖVP) und Präsidenten des Nationalrates Alfred Maleta war, bereichern die Arbeit. Erstaunlich ist ferner, dass Raubals Mutter, Adolf Hilters Halbschwester, jahrelang als Küchenleiterin in einer jüdischen Hochschulküche in Wien arbeitete. Sein Halbruder Alois Hitler brachte es zum Kellner im "Weinhaus Huth" am Potsdammer Platz in Berlin und bediente dort Persönlichkeiten wie Konrad Adenauer und Ferdinand Sauerbruch. Die bildliche Vorstellung davon kann großes imaginäres Kino in den Köpfen der Leser auslösen.

Zdral beschäftigt sich am Ende seines Buches mit den Schicksalen der nach 1945 verbliebenen Mitglieder der Hitler-Familie. Die Streitereien um das Vermögen Adolf Hitlers, welches Professor Werner Maser auf 20 Millionen Euro schätzt, das aber für die Nachkommen unerrreichtbar ist, da es per Nachkriegsbeschluss dem Freistaat Bayern und Einnahmen daraus gemeinnützigen Organisationen zugute kamen.

Wolfgang Zdrals Buch zur Geschichte der Familie Hitler ist hervorragend recherchiert. Es ist wissenschaftlich aufgebaut, die zahlreichen Fußnoten und das Literaturverzeichnis im Anhang des Buches zeugen davon. Er arbeitet viel mit Primärquellen und gibt sie wörtlich wieder - so die Hitlertestamente der Jahre 1938 und 1945.
Sehr hilfreich bei den verzwickten Verwandtschaftsverhältnissen ist der jeweils auf der Innenseite des Buchdeckels abgedruckte, bis ins 18.Jahrhundert reichende Stammbaum der Familie - auch wenn sich dabei bei Angela "Geli" Raubal ein Druckfehler einschlich (ihr Geburtsjahr wird im Stammbaum fälschlicherweise mit 1910 statt mit 1908, dem Jahr ihrer tatsachlichen Geburt angegeben).
Äußerst gelungen ist auch das Cover-Layout des Buches. Bilder von Hitlerfamilienmitgliedern, in Filmschnipselart auf schwarzem Hintergrund aufbereitet, fallen in den Blickwinkel des potentiellen Käufers.


Nach hölzernem Beginn entpuppen sich die Hitlers, laut Untertitel "die unbekannte Familie des Führers", als ein Sachbuch, das nicht nur sehr zu empfehlen ist, sondern welches in Zukunft zu den Standartwerken der Hitlerforschung gehören dürfte.

PK