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Erschienen
Marcel Adam mit Gänsehaut-Garantie
03/2006
Er ist ein Grenzgänger in vielerlei Hinsicht: Musikalisch bewegt er sich immer irgendwo in den Weiten zwischen Liedermacher, Chansonier und fahrendem Musikant, biografisch hat der Mittfünfziger alle Höhen und Tiefen erlebt, örtlich sich mit Überzeugung aber keineswegs bequem eingerichtet im Spannungsfeld zwischen Frankreich und Deutschland.

Nach 25 Bühnenjahren hat es den Lothringer Liedermacher Marcel Adam Mitte Februar erstmals ins Neulußheimer Kulturzentrum "Alter Bahnhof" getrieben. Damit begann er auch in unserer Region eine Tour zur neuen CD "Starke Frauen", die in den kommenden Wochen erscheinen und Ende März in der Saarbrücker "Bel Etage" vorgestellt wird. In den kommenden Monaten führt sie ihn auch nach Plankstadt, Ketsch und nach Hockenheim, wo Adam längst seinen alteingesessenen Fanclub hat. Doch muss man eingestehen, dass nirgends von einer so starken Frau so rührend und frivol begrüßt werden dürfte: Rosa Grünstein machte den – wenigen – anwesenden Männern klar, dass sie beim Stöhnen der Liebsten im Bett nebenan zumindest in dieser Nacht keineswegs in falsche Sicherheiten verfallen brauchten; das könne sicherlich nur Adam gelten.

Tatsächlich eroberte der Mann mit dem obligatorischen Käppi seine Zuhörerschaft, ganz gleich ob Frau oder Mann, mühelos und im Sturm. Das mag auch an der ganz speziellen Atmosphäre im "Alten Bahnhof" gelegen haben: Anders als bei vielen der üblichen Auftritte Adams, die stets ohnedies einen sehr familiären Charakter haben, mischte sich diesmal von Anfang an ein Hauch von Professorium ein und ließ Künstler und Zuhörer binnen weniger Minuten in eine ausgiebige, heimelige, gemütliche "Auf-Du-und-Du-Stimmung" verfallen.

So wurde Marcel Adam ein Künstler zum Anfassen für seine Zuhörer. Und er wurde Teil ihrer Gedanken, in die er sich mit seinen mal sanft-liebevollen, mal verschmitzt-aufrührerischen Melodien und vor allem seinen wertvollen Texten sang.

"Starke Frauen" wird die fünfte CD des in Blittersdorf an der Deutsch-Französischen Grenze lebenden Künstlers sein, mit der er einmal mehr "de Passage" geht, wie er mit dem Vorgänger-Projekt feststellte. Sie widmet er der Oma aus Hambach, die er mit dem kindlich-liebevollen "'s Onna uff de Bonk" wiederauferstehen lässt oder seiner eigenen Gattin, die ohnedies einen breiten Raum in seinen Erzählungen einnimmt: Mit "Donja Gabriela" unterstreicht der charmante Sänger, dass er sich keinesfalls verschämt zeigen muss angesichts der "großen Dichter" – "Sie basst uf misch uff wie ä Muddakatz uf sin Kleene". Aber auch der Mutter Gottes, die an vorderster Stelle auf der Hitparade stehe, "knapp hinner Jesus", widmet er ein Lied. Mit "Die Mutter Gottes uffem Bersch" bringt er aber nicht nur seine ganz persönliche Affinität zum Ausdruck, sondern auch die Gesellschaftskritik gegen alle Raffgier und vor allem das Wegsehen bei all der Not zum Ausdruck. Das ist, was Adams Lieder nicht nur so erfolgreich, sondern auch so wertvoll, bisweilen sogar monumental macht: Sie beschreiben den Alltag, erhöhen ihn aber durch die manchmal fast genialen Gedanken und Ansichten zu einem tatsächlichen Sakrileg, das sich in einem trotzigen "Gradzelet" ("Trotz alledem") auflöst.

Zwischen die "Weibergeschichten" streute Adam bei diesem Auftritt einige Coversongs wie das Hannes-Wader-Lied der fahrenden Künstler "Heute hier, morgen dort", oder die Nena-Ballade "Wunder geschehn". Allerdings musste man hier – und das mag der einzige Wermutstropfen dieses Auftritts gewesen sein – feststellen, dass seine eigenen Lieder doch besser zu dem feinsinnigen Musiker passen.


Als mit dem traditionellen Schlusslied "Von Guten Mächten" nach rund zweieinhalb Stunden der Schluss des Konzerts in enormer Gänsehaut-Atmosphäre anbrach, war eben dieser Text, der zum hundertsten Geburtstag seines Texters Dietrich Bonhoeffer von besonderer Aktualität ist, so etwas wie die musikalische Umsetzung des Wunschs, der im "Alten Bahnhof" zu greifen war: "Lass warm und still die Kerzen heute flammen, die Du in unsere Dunkelheit gebracht. Führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen. Wir wissen es, Dein Licht scheint in der Nacht."