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Erschienen
Oropax als Bremsspur in der Unterhose der Geschichte
03/2006
„Vertraue Deinen Instinkten – was anderes hast du ja nicht!“ Was könnte die Mission des Freiburger Chaos-Theaters „Oropax“ besser auf den Punkt bringen?

Mitte Februar stürzte das Brüderpaar aus der Breisgau-Metropole einmal mehr das Hockenheimer Kulturzentrum „Pumpwerk“, das in den vergangenen Jahren so etwas wie eine Festung kultivierten Schwachsinns für die „doppelten Halbbrüder“ geworden ist, in die Niederungen des Wahns hinab und beraubte den Musentempel erneut seiner jungfräulichen Unschuld mit unterirdischen Witzen, durchgeknallten Wortspielereien und einer Performance, die dem bereits berüchtigten Ekel-Faktor neue Facetten hinzuzufügen vermochte.

Die Rennstädter begaben sich freiwillig als Versuchskaninchen in ein frankensteinartiges Labor der hirnlosen Grausamkeiten, der genialen Pointen, der schmerzhaft anzusehenden Fäkal-Experimente: „Oropax“ zertrümmerte mit seinen beiden Proben zum Programm „Molkerei auf der Bounty“, das ab März durch die Lande tourt, einmal mehr vor zwei Mal ausverkauftem Haus den Glauben an die Menschheit, um an diese Stelle den Aberwitz zu setzen.

Dem Ausdruck „Vorpremiere“ machten die beiden alle Ehre: In orgiastischen Wortsalven lavierten sie sich durch das Programm, das – wir werden es erleben – im Laufe der nächsten Monate wieder einen evolutionären Verschmutzungsprozess zur inneren Reinigung von jeglichem Anflug guten Geschmacks durchlaufen wird.

Runde zwei Stunden kalauerten sich die Martins-Brüder Volker und Thomas durch ihre Programm-Skizze. Da durfte der Tontechniker Herr Lug seinen Pöter aus der Hose hängen lassen – schließlich arbeitete er früher im Hotel Ritz, der Arsch, der viel umjubelte Herr Pinski outet sich als erster Mensch auf dem Mars („Wir fliegen zur Venus – ich kenn da einen schönen Hügel“) und der „Geist in der Urinflasche“ hatte „wahnsinnigen Mundgeruch“.

Volker, der scheinintellektuelle Rädelsführer der Hirnmassaker-Gang („Volker hat so eine Ausstrahlung, da werd ich sogar in seinem Schatten braun“), brillierte als „Walkman“ in einen futuristischen, wurstpellenhaften „Nordic-Walker“-Glanzanzug gezwängt („Ein echter Breitensport, weil das nur Dicke machen!“), blitzte als Fee gediegen ab („Wo sind die anderen zehn? Ich hab mir ne Elfe gewünscht!“) und gab einen Kurs in ganzheitlicher Therapie: „Wo ist Dein Shakra? Am Sack da!“

Thomas, der vorgeführte Dödel mit den unzählbaren Macken und Meisen („Körpergeruch ist ein Hobby von ihm“), hat den siebten Sinn („leider nicht die anderen sechs“, dafür aber mit 12 schon zwei Mal Sex), bekommt seit 17 Stunden eine Kurzmitteilung auf der elektrischen Handzahnbürste, weshalb er die Mundhygiene auf der Bühne mit einer hiltihaften Powermaschine durchziehen musste – mit Senf als Zahnpaste. Er machte den „Spiderman“ („Gib mir mal ein Handy – ich brauch ein neues Netz!“), den „Bedman“, war nur ganz kurz Clown („dann wurde er im Supermarkt erwischt“) und warf einen Hund über Bord des imaginären Schiffes, weil er einen „Köter auslegen“ wollte.

Auch wenn sie sich gegenseitig bekriegen: Erst im Doppelpack sind die Martins die geniale Irren-Bande. Dann wachsen sie über sich hinaus, wenn sie selbst aus der geklauten Handtasche einer Besucherin („Du siehst so gut aus, ich nehm Dich auch ohne Charakter“. „Hey, da ist Treibgut! Ob dies gut treibt? – Sie ist nicht Mehrjungfrau!“) noch die Gags herausziehen können. Überhaupt war damit und mit dem Sozialpädagogen Mario wieder einmal ausführliche Publikums-Verarsche angesagt – „Oropax“ hat immer auch die Andeutung von „Russisch Roulette“.

Der Ekel-Beitrag diesmal gegen Ende: Aus Wurstsaft, Vitaminbrausetabletten und Aktimel zauberte Thomas sich einen leckeren Cocktail, den er auch ganz abkippte, Volker bekam die Schaumküsse ins Gesicht gedrückt, bis er wie Mickey-Mouse aussah und schließlich nahm er seinen Bruder unter Ticktack-Dauerfeuer.

Lange musste man diesmal auf das Wappentier der Blödel-Brüder warten: Gestoppte 37 Minuten dauerte es bis zum ersten „Hallo, Hallo, Hallo! Ich bin oin Mönch“. Dafür tauchte dann der adventskranzbehütete Dauerbrenner in vielerlei Gestalt auf, so als Vorsitzender des Mönchs-Verbands Tut-Mönch-Amun und als „Mars-Mönch“, bevor der Pink-Panter-Mönch die Losung für die Zukunft ausgab: „Heute ist nicht aller Tage, ich komm wieder, keine Frage!“


Das ist keine Drohung, sondern ein Versprechen, auf das auch die Pumpwerk-Gemeinde pochen wird. „Oropax“ ist die kultigste Comedy-Truppe zwischen Nordsee und Alpen, die Martins-Brüder sind die Comedy-Einsteins unseres Untergangs-Zeitalters und gemeinsam hinterlassen sie „eine Bremsspur in der Unterhose der Geschichte“.