2017
 
 
 

Rezensionen

Editorial
Gästebuch
Archiv
Links
Kontakt

Suchmaschine

 
Weitere Artikel nach
Autor
Weitere Artikel nach
Titel

 

 

Drucken | Kommentar erstellen

_____________________________

Erschienen
Nett war gestern – alles für ein Honigbrot von Frederic Hormuth
04/2006
Deutschland hat kaum Bodenschätze – aber wir haben ein „nennenswertes Reservoir an Unfreundlichkeit“. Das müsste man doch nutzen können, dachte er sich und empfahl den Bundesrepublikanern, als weltweite Generalausstatter für Unfreundlichkeit anzutreten: „Das ist Markenqualität – die hält ein Leben lang!“ Von der Bergstraße ist der Kabarettist und Musiker Frederic Hormuth Anfang März in das Neulußheimer Kulturzentrum „Alter Bahnhof“ herübergeeilt, um auch in der Provinz seine neue Kunde zu verbreiten: „Nett war gestern“. Damit die Unfreundlichkeit ein echter Verkaufsschlager werden kann, hatte er auch gleich ein ganzes Übungsprogramm im Handgepäck, um über Anamnese und Diagnose zur geeigneten Therapie zu kommen.

In einem fast schon vertraulichen Arzt-Patienten-Gespräch plauderte Hormuth mit seinem Publikum, das den „Bahnhof“ ordentlich füllte, über die Welt und ihre Einwohner. Er zeigte in einer fast unbarmherzigen Weise, dass es nicht lohnen kann, sich für die Altfordern zu engagieren: Landesvater Günther Oettinger sei doch auch nur ein „Stock-im-Arsch-Charismatiker“, die Vision des hessischen Amtskollege Roland Koch von einem „Bundesland ohne Stau“ sei entweder „Buddhismus pur – wenn alles fließt“, oder aber einfach „Koch-Käs“. Und wenn man schließlich noch bedenke, dass Angela Merkel wie die ehemalige britische Premier Maggie Thatcher Pfarrerstochter sei, „entwickelt man schon Sympathien – für den Zölibath“.

Hormuth machte klar, dass in unserer modernen Welt mit ihrer Globalisierung („Wenn in Dänemark einer eine Mohamed-Karikatur kritzelt, dürfen die Kinder in Teheran nicht mehr mit Lego spielen“) alles ganz anders geworden ist, als es früher war. Und wenn sich die Frauen heute eben wieder unbedingt einen „fiesen Macho-Arsch“ wünschen würden – „dann mache ich das halt“!

Entsprechend auch seine Anleitung zur richtigen Diagnose: „Wie viel Peter Hahne steckt eigentlich in mir“, müsse sich jeder fragen lassen, wenn er es ernst meine mit „Schluss mit lustig“. Hahnes „Lächeln, wie mit einer Pedikürefeile hineinziseliert in ein alttestamentarisches Massiv schlechter Laune“ sei geradezu charakteristisch für die verkrampfte Gegenwartsgesellschaft, die sich permanent zusammenreiße.

„Aggressionen sind nichts schlimmes“ lautete schließlich sein Therapie-Vorschlag: „Aggressionen kann man auf einen anderen Gegenstand umleiten – wenn sie sauer auf die SPD sind, können sie stellvertretend ein Sofakissen zerfetzen. Wenn sie unzufrieden mit ihrem Kissen sind, können sie aus der SPD austreten“.

Damit das auch reibungslos klappt, hatte Hormuth ein Trainingsprogramm der „7-Arschigkeit“ dabei: Da rät er dann schon mal unter dem Programmpunkt „Prioritäten setzen“ dazu, Freunden kurzfristig ein Treffen abzusagen „mit der Begründung, sie hätten die Chance bekommen, an einer Beerdigung teilzunehmen“. „Fragen im Raum stehen lassen“ nannte er die Übung, bei der ein Telefoninterviewer retourniert wird mit einem „Nein, ich habe keine 10 Minuten Zeit - und wenn ich die hätte, würd’ ich herausfinden, wo ihr Callcenter steht und nachschauen, ob es gut brennt“. Besonderen Anklang aber haben die Fluch-Übungen des fidelen Bergsträßlers gefunden: Das aus dem Persischen entliehene „Ich furze in Deines Vaters Bart“ ging den Neulußheimern ebenso gut über die Lippen, wie die schwerstmögliche Beleidigung für Walldorfschüler: „Dein Eurhythmie-Tanz-Stil ist irgendwie autoritär“.

Mit seinem neuen Programm hat der Feingeist selbst eine innere Wandlung durchgemacht: Vom netten Denker zum spritzigen Lenker. Geblieben sind sein unglaublich scharfer Verstand, der mit einer ausgesprochenen Präzision hinter die Vordergründigkeiten schaut, und seine musikalischen Zwischentöne, in denen er am Klavier in hinreißenden Melodien fragt „Wenn Frau’n die besseren Menschen sind, warum bin ich dann keine?“ oder sein Liebeslied an „Mein Honigbrot“ dahinhaucht (inklusive der Jackson-Abwandlung „Heel the World, make it a honeybread“ und dem Grönemeyer-Reißer „Wann ist ein Brot ein Brot?“).


Frederic Hormuth ist und bleibt ein absoluter Geheimtipp für all diejenigen, die sich mit hochgeistigem Kabarett dennoch unterhalten wollen und dabei auch noch eine gute Sache tun: „Ich brauch jetzt irgendwen zum Anschrei’n – das war’n in dem Fall sie, vielen Dank für die Geduld“.