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Erschienen
„Seniorenhippie“ als begnadeter Looser mit schockierender Chuzpe
05/2006
„Die einen geben sich Mühe, die anderen geben sich die Kugel“ – so ganz scheint sich der passionierte Dauernörgler im bisherigen Tandem des „Frankfurter Fronttheaters“, Dieter Thomas, noch nicht entschieden zu haben, ob er sich noch einmal aufraffen oder lieber gleich den „Exit“ nehmen soll. Zur Not darfs ja auch der Exitus sein. Eindreiviertel Stunden schwadronierte sich der Meister aller Tiefschläge Ende März im Hockenheimer Kulturzentrum „Pumpwerk“ durch sein erstes Soloprogramm, mit dem sich der überzeugte Hesse, der vom „Spiegel“ bereits vor vielen Jahren den „Charme einer ungespülten Kaffeetasse auf dem Tisch einer Wohngemeinschaftsküche“ attestiert bekam, selbst übertraf: Ungespülter hat man Thomas sicherlich noch nie erlebt. Als „Seniorenhippie“ prügelte er wortgewaltig und in der bekannt adrenalinschwangeren Art, die Mediziner im Publikum bisweilen den Ambu-Beutel zücken lässt, auf die junge Generation ein, die doch gar nicht wüssten, wie das Leben ist. Gnadenlos ließ er die „Youngsters“ über die Klinge springen, weil die sich doch im Kinderzimmer einnisteten, „bis sie mit den Eltern in Rente gehen“ könnten und die zum Thema „Sexualität“ im Internet nachschauen „unter www.wie-geht-denn-das.de“.

Doch auch die zorngeschwellte Halsschlagader konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch die Bilanz seiner eigenen 68er-Generation nicht eben rosig ausfällt: „Vom Gammler zum Gammelfleisch“, so der lapidare Punkt, mit dem er allen seinerzeit gewünschten Erfolg in Frage stellte: „Das Leben meiner Generation war eine Krise und wird immer eine bleiben!“

So gerierte Thomas sich als Amokläufer der Gesellschafts- und Generationenkritik, feuerte treffsichere Salven auf sein zwar etwas dünn gesätes, aber umso begeisterteres Publikum ab, hetzte gegen Psychologen, die das, was sie dächten erst glauben könnten, „wenn sies sich selber reden hören“, minimierte Ministerpräsident Roland Koch zum „Bembl-Buddhisten“ und entdeckte in „Fury“ die erste „Tunte unter den Hengsten“. Es ist wohltuend, festzustellen, dass sich da ein Künstler vor die Menge wirft, dem nicht die Verkaufszahlen am Herzen liegen, sondern den der ungeahnte Anstand dazu zwingt, die Fahne des kritischen Kabaretts hoch zu halten.

Immer wieder blitzte auch die auf, die vom Publikum sicherlich am meisten vermisst wurde: Seine Partnerin auf der Bühne und am Tisch, Hendrike von Sydow. Die kongeniale Mega-Zicke, die ihn auf seinem bisherigen Weg durch ihre Unterdrückung zu ständig neuen Höchstleistungen angetrieben hatte, zog sich mit diesem Programm auf die Regisseurinnenrolle zurück und begutachtete Thomas vom Zuschauerraum aus – und erschien doch ständig auf der Bühne, wenngleich auch nur in Worten des großen Meisters der systematischen Motzerei. Nach wie vor hat die lebenslistige Hessin ihren Dieter im Griff – „im Würgegriff“. Doch habe sie heute – anders als alle anderen Frauen auf der Welt - kein Problem mehr mit ihrem Gewicht, schließlich sei sie seit der Trennung von ihm „eine Frau ohne Arsch“.

Zu dem machte sich Dieter Thomas in fast beängstigender Souveränität: Er gab den geborenen Looser in einer Selbstverständlichkeit, die schockieren konnte – „wenn ich über mich selbst nachdenke, dann bekomm ich manchmal ein unglaubliches Augenmaß für mein eigenes Mittelmaß.“ Gleichzeitig verstieg er sich aber – und gerade diese Mischung ist es, die den besonderen Charme des „Seniorenhippies“ ausmacht - in Allmachtsphantasien, die durchaus Chuzpe bewiesen: „Ich habe schon als Kind nicht zu Gott gebetet – ich habe ihm Tipps gegeben, wie er die Welt besser macht“.

Eigentlich sollte der Auftritt die Generalprobe zu seinem neuen Programm werden. Aber vor lauter Stänkern und im Anfall ekstatischen Philosophierens, Reflektierens und Kommandierens kam er gar nicht dazu, etwas davon zu spielen.


Nun, die Gäste hat es nicht gestört und wenngleich man sich an mancher Stelle Hendrike als besserwisserische Seitenhiebegeberin auf die Bühne gewünscht hätte, war das Publikum am Ende ganz und gar aus dem Häuschen. Kein Wunder also, dass es Dieter Thomas nicht schwer fiel, seine oberste Maxime auch diesmal in die Tat umzusetzen: „Haltung bewahren und erhobenen Hauptes von der Bühne gehen“.