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Erschienen
Zeit für die Ordnung im Chaos
05/2006
Als ein „anspruchsvolles Versteckspiel“ bezeichnete Wolfgang Treiber Ende März im Neulußheimer Kulturzentrum „Alter Bahnhof“ die Werke des aus Armenien stammenden, heute in Heidelberg lebenden Künstlers Gagik Babajan. Die mit über 50 Kunstliebhabern erfreulich gut besuchte Vernissage, die musikalisch von Tassilo Treiber umrahmt wurde, nahm der „Neulußheimer Kunstpapst“ zum Anlass, mit einer sehr ausführlichen Werkeinführung die Besucher zu einem Abenteuer einzuladen: „Diese Bilder brauchen Zeit, um zu wirken“.

Gerade in unseren schnelllebigen Tagen verlangt ein Künstler wie Babajan dem Betrachter einiges ab – er beschenkt dafür aber mit einem überreichen Schatz an Formen, Farben und Assoziationen.

„Die unruhigen Bilder“, so hatte der Armenier seine Werkschau betitelt. Diese Unruhe, die fast mit Händen zu greifen war, zog sich wie ein roter Faden durch die Exhibition, diente gleichsam als Überleitung zum nächsten Bild, das neue, ganz eigene Ansichten offerierte, gleichzeitig aber auch als Wegmarke, die zum Verweilen einlud.

Seine Darstellung ist geprägt durch fein gegliederte, schwungvoll und stark kontrastierend angelegte Bild-Inseln, die über fast chaotisch wirkende „Wegen“ miteinander verbunden sind. Markant schneidet Babajan Projektionsflächen aus dem Vordergrund, der dadurch den Blick lenkt und fokussiert. Dabei gibt aber nicht der Künstler den semantischen Wert des Eindrucks vor, sondern ermuntert den Betrachter zu einer ganz eigenen Interpretation, die ihre Grenzen weit jenseits des Abstrusen finden darf.

Versenkt dieser sich dann in ein Bild, erscheinen die künstlichen und künstlerischen Pfade plötzlich bei weitem nicht mehr so chaotisch und ungeordnet, wie es der erste Eindruck suggerierte: Organisch winden sich die Bilderstraßen über die Leinwand, sie führen den Blick, ohne ihn voranzutreiben. Sie bilden Pausenflächen, die ein Verweilen ermöglichen, ohne es aufzudrängen.

Dabei ist das Wundervolle vor allem dem Umstand geschuldet, dass der in der Region durchaus bekannte Künstler, der zuletzt im Frühjahr diesen Jahres eine Ausstellung im Heidelberger Rathaus bestückte, durch sein strikt abstraktes Malen keinerlei Botschaft vorzugeben versucht. Er will vielmehr den Zauber des Eindrucks seinem Betrachter überlassen, der hier und da Gesichter, mal fast zärtlich weich, mal fratzenhaft hart, zu entdecken glaubt, der wildes Gesträuch und weite Landschaften, ruhige Seen und aufgewühlte Wasser entdecken kann, sofern sie sich ihm in den skizzenhaft angedeuteten Pinselstrichen enthüllen. In „Lunapark“ folgt der verständige Seher stark gefurchten, aus sattem gelbem Grund ausgeschnittenen Bildsträngen, denen symbolisch angereicherte Ausschnitte eingegeben sind. So fällt der Blick stets nur auf einen Teil des künstlerischen Gedankens – und denkt sich den Rest einfach selbst. Mit „Farbe Gzel“ entfalten sich blaue Formen kraftvoll auf einem vital weiß schattierten Grund und aus dem scheinbaren Chaos lösen sich einzelne Gruppen und Symbole.

Besonders beeindruckend: „Caché-caché“, ein sowohl in hauchdünn aufgetragenem, dann wieder kräftig geführtem Rot gestaltetes Kunstwerk, in dessen fast nebulöser Bildsprache sich ein ganz besonderer Reiz entfaltet.


Nach seiner Ausstellung 1998 gastierte Garik Babajan zum zweiten Mal im „Alten Bahnhof“ – und er konnte einmal mehr begeistern.