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Erschienen
Begeisterung beim Klavierkabarett in Reimform
05/2006
Kaum zu glauben, aber der Knabe da vorn am Klavier, der aussieht, als habe man ihn verfrüht in einen Konfirmationsanzug gesteckt, feiert in diesen Tagen sein zehnjähriges Bühnenjubiläum: Bodo Wartke, einer der gefeierten Klavier-Kabarettisten unsrer Republik, gastierte Anfang April erstmals im Hockenheimer Kulturzentrum „Pumpwerk“ und begeisterte das reichlich verkaufte Haus.

Wie ein exotisches Pflänzchen wuchs der heute 28-jährige Ausnahme-Künstler in einer Ecke zu seiner heutigen Bekanntheit heran, in der er zwar nicht auf große Konkurrenz und Lichträuber stoßen kann, die allerdings im schrillen Comedy-Gehabe unserer Tage auch meist eher im Schatten liegt: Mit einer fast schon trotzigen Besinnung auf das gute alte Mittel des Kabaretts, Gedankengänge in Liedform vorzutragen, fasziniert er seine Zuhörer ein ums andere Mal, der ganz große Massenerfolg allerdings ist auf diese Weise natürlich nicht zu machen.

Doch Warte passt perfekt in diese Rolle, die Bescheidenheit und Durchsetzungswillen gleichermaßen erfordert – und deshalb lieben ihn seine Fans fast abgöttisch.

In teils makabren, teils sehr feinfühligen Liedern brachte er sich und seine Zuhörer in der Rennstadt durch sein „altes“ Programm „Ich denke, also sing ich - unterwegs“. Dazwischen eingestreut die Verse über den wahren Ablauf der Geschichte um König Ödipus oder das unangenehme Ende eines Turniers für Ritter Lanzelot.

Auf der Suche nach Wartkes Stil wurden schon zahlreiche große Namen bemüht: Tatsächlich sind die schlitzohrigen Dichtungen seines „Klavierkabaretts in Reimform“ einem Heinz Erhardt durchaus ebenbürtig und die Lieder atmen – auch in ihrer morbiden Semantik – ein wenig Georg Kreisler. Doch ist Wartke eben anders: Vom großen Komiker Erhardt trennt ihn seine ausdrückliche Betonung des musikalischen, vom österreichischen Satiriker Kreisler die konsequente Enthaltsamkeit von allen gesellschaftskritischen und politischen Ambitionen – „In meiner frühen Kindheit schrieb ich gesellschaftskritische Protestsongs – aber in letzter Zeit schreibe ich irgendwie nur noch Liebeslieder“. Auf diese Weise bleibt Wartke ein Unikat – was ihn für die kulturelle Vielfalt besonders wertvoll macht.

Seine Lieder waren geprägt von einem musikalischen Witz, der atemberaubend war: In freiem Geist drehte der hochdekorierte Bühnenrebell (zuletzt ausgezeichnet mit dem Deutschen Kleinkunstpreis 2004) die Stile durch den Fleischwolf seiner Musikmaschinerie und zimmerte darauf neue Stücke, deren Chuzpe legendär ist. So outete er sich als Schwarzfahrdrückeberger, Frauennichtansprecher, Traualtartürmer und Suizidflüchtling („Ich trau mich nicht“), ließ Schuberts „Röslein auf der Heide“ wiederauferstehen („Insbesondere wegen eines Ausrupfrisikos, werden rote Rosen ziemlich rigoros“) und brach eine Lanze für die „Gaffer“. Eine Mischung aus Touristinfo, Klatschblatt und Brotaufstrichwerbung wurde sein Lied über die Heimatstadt Bad Schwartau („Die Stadt existiert wirklich - sie ist nur in einer Marmeladenfabrik untergebracht!“), dafür entwickelte Wartke (und hier lässt Kreisler nun wirklich grüßen) in „Ja Schatz“ die ganz normalen männlichen Phantasien angesichts der nörglerischen Lebensabschnittsgefährtin: „Ich hak’ die Sache ab - mit der Axt!“.

So tat Wartke wirklich alles, um sein in Liedform bereits verarbeitetes Auftritts-Fiasko („Wie ich da so am sitzen und schwitzen bin, merke ich: Es hört keiner hin!“) unter keinerlei Umständen Wirklichkeit werden zu lassen. Vor allem aber gelang ihm das durch seine ganz einzigartige Nähe zum Publikum und die unglaubliche Spontaneität, die der Youngster aufbrachte. Da lässt er sich dann schonmal eine blitzend-nervige Kamera zeigen, um sie dann einzuziehen, befragt eine Gruppe Mädels, die eigentlich „Wise-Guys“-Fans sind, aber durch sein Lied „Monica“, das die Kölner Jungs von Wartke coverten, auf den Klavierkabarettisten aufmerksam wurden (www.naturbreite-zone.de), und bringt am Ende gar unseren eigenen Fotografen Michael Oechsler dazu, sich mit seiner eigenen Kamera von Wartke fotografieren zu lassen.


Als zum Schluss des Programms – und vor den drei Zugaben, zu der das Publikum den charmanten Klaviator mit langanhaltendem Applaus nötigte – sein wohl bekanntestes Lied, das internationale „Ich liebe Dich“ („Ich wills in allen Sprachen für Dich singen“), diesmal auch in Türkisch und in „Kanack-Spraak“ erklang, sang Wartke seinen Zuhörern ohne Frage aus der Seele – wenngleich die bei dieser Melodie wohl am ehesten in Berndütsch dachte: „I ha di garn!“



Weitere Informationen, zahlreiche Lieder zum Download und vor allem den „Liebeslied-Generator“, mit dem man Wartkes Gassenhauer aus inzwischen 42 Sprachen selbst zusammenstellen und per Email verschicken kann im Internet unter http://www.bodowartke.de

 

 

 
 

©:Eike Korfhage