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Erschienen
Aubrey Beardsley
06/1999
Taschen International GmbH, Köln
96 Seiten / DM 9,90
Wenn wir von Jugendstil-Grafiken sprechen, fällt jedem sofort Toulouse-Lautrec ein. Aubrey Beardsley ist sein englisches und erotisch geprägtes Pendant.

Das kleine aber mit knapp 100 Seiten recht dicke Brevier aus dem Taschen Verlag beleuchtet das Werk und das Leben des zu Unrecht relativ unbekannten Künstlers. Möglicherweise liegt dieses Manko in dem Fehlen "echter" Bilder, Beardsleys Arbeiten waren hauptsächlich Buch-Illustrationen. Obwohl diese Bilder zur damaligen Zeit erotisch empfunden wurden, kann man das heute als Europäer nur schwer nachvollziehen. Welches Produkt wurde noch nicht mit blanken Brüsten beworben? Diese Abgestumpftheit läßt den Blick eher auf die kantigen und auch häßlichen Gesichter gleiten. Auch die übrigen Proportionen haben wenig mit dem kontemporären Schönheitsideal gemein.

Die Dekadenz der Jahrhundertwende, mit ihren Ausschweifungen und Entbehrungen, zeichnete den Künstler, der nach einer sechsährigen Schaffensphase 25jährig an Tuberkolose starb. In dieser Zeit entstand eine Reihe Grafiken, die besonders in Hinblick auf Seitenaufteilung und Design auch heute noch aktuell wirkt. Die Bilder sind mal übervoll an Details, die vom eigentlichen Bild ablenken, mal von holzschnittartiger Härte.

Die Zensur machte auch Beardsley zu schaffen, davon zeugen einige Gegenüberstellungen von Originalen mit letztlich veröffentlichten Bildern in diesem Band. Bei "Siegfried, zweiter Akt" (Seite 28) ist die Verwandschaft der Comics aus der Tusche-Feder von Craig Russel bemerkenswert. Auch die anderen Stilmittel Beardleys flossen in die neunte Kunst - besonders bei den experimentierfreudigen Amerikanern - ein, so auch die Detailgewaltigkeit beispielsweise bei Perez; nicht verwunderlich, stehen die Comic Zeichner in der direkten Tradition der Buch-Illustratoren.

Doch nicht nur die vielen Abbildungen sind interessant.Die erläuternden Texte sind flott und verständlich geschrieben und laden somit - im Gegensatz zu den leider zu oft trockenen Texten in vielen Kunstbüchern - zum Lesen ein. Manchmal scheint einem der süß-schwerer Duft der Verruchtbarkeit entgegenzuwehen. Homosexualität, Drogen und Obzessionen begleiten den Leser, will er sich dem Leben des Grafikers nähern. Doch wo würden die Künstler ihre Inspirationen finden, gäbe es keine menschlichen Abgründe, in die sie sich fallen lassen dürfen oder müssen, um etwas Neues zu schaffen.

Für zehn Mark darf man in die Welt eines Menschen eintauchen, der schon vor einhundert Jahren Grafik-Geschichte schrieb, die heute noch nicht überholt ist.