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Erschienen
Irmgard Knef ist schwesterseelenallein
05/2006
Wenn ein bislang unbekanntes Leben aus dem Schatten ins grelle Scheinwerferlicht gezerrt wird, enthüllen sich oft menschliche Abgründe und Tragödien, die das Herz mehr rühren können, als die glatten Storys der kuschelweich gewaschenen gemachten Stars. Seit Anfang des Jahrtausends tummelt sich eine auf den Bühnen der Nation, die in jungen Jahren stets ein Star sein wollte: Irmgard Knef, die zusammen mit anderen ungeliebten und unbekannten Star-Geschwistern (Helene Dietrich, Klara Leander, Helga Meysel und Renate Uhse) die Selbsthilfegruppe „Sorella non grata e.V.“ gegründet hatte, erzählte Anfang April im Hockenheimer Kulturzentrum „Pumpwerk“ zum zweiten Mal aus ihrem Leben.

Seit ihrem ersten „Outing“ in der Rennstadt sind eineinhalb Jahre vergangen und nach „Ich, Irmgard Knef“ stand die in den Biografien der großen Schwester Hildegard stets verleugnete Irmi mit „Schwesterseelenallein“ vor einem zwar quantitativ kleinen, qualitativ aber umso großartigeren Publikum.

Inzwischen hat Irmgard einen eigenen Eintrag in der Online-Enzyklopädie „Wikipedia“, ein noch ausführlicheres Programm und eine ganze Menge glühender Fans. Ihr neues Programm besitzt einmal mehr die Strahlkraft, die man eigentlich nur der großen Schwester zugetraut hätte: Bis in die Tonfarbe und die schnoddrige Diktion hinein ist Irmgard eine perfekte und damit würdige Vertreterin des Knef-Clans – keine Kopie, keine Parodie, keine Imitation, sondern immer ganz und gar Hildes Schwester: „Sie wissen schn, ws ic mne“.

In Songs, die große Meister „mir auf den Leib hätten geschrieben haben können“ ließ sie im „Pumpwerk“ die Sonne aufgehn und entstaubte einmal mehr einen der wirklich großen Mythen unserer Kulturgeschichte: Die Knef, von der Ella Fitzgerald einmal sagte, sie sei die beste Sängerin ohne Stimme, ist alt geworden, aber sie ist noch voll da. In bissigen, teilweise auch sehr nachdenklich-traurigen Texten plaudert Irmgard aus ihrem Leben, in dem „aus meiner geplanten Laufbahn nur die Durchführung einer nicht enden wollenden Durststrecke geworden“ ist und das alles in allem der perfekte Widerpart der Glorie der anderen Knef wurde. So war der einzige, der in ihrem Schlafzimmer ab und an mal auf Sex stand, der Wecker, ihre größte Sprechrolle die Endlosschleifen bei der Deutschen Bundespost („Bitte warten sie, ihre Verbindung wird gehalten“) und die größte Darstellerische Leistung die Teilnahme an einigen Schulungsfilm-Aufnahmen - die perfekte Biografie für eine, die auf ihrem langen Weg zu sich selbst meist ein Taxi genommen hat.

In rund zwei Stunden ließ der gebürtige Schwabe und heute in Berlin lebende Schauspieler, Regisseur, Autor, Sänger und Kabarettist Ulrich-Michael Heissig die Knef auf eine ganz besonders charmante Art und Weise Wiederauferstehung feiern – er nähert sich über seine Irmgard der tatsächlichen Hilde, die im vergangenen Jahr 80 geworden wäre, in einer bemerkenswert liebevollen, galanten Diskretion.

Irmgard macht das Leben der anderen anschaulich, das derjenigen, die nur verhinderte Diven werden („Da kompensiere ich lieber“), weil sie sich bei der Anfrage von Oswald Kolle nach einer Mitwirkung in einem „Film über die Aufklärung“ als Geliebte von Kant sehen. Dabei enthüllt sie die Weisheit der Straße, die Bauernschläue der „Normalos“ und die Ironie des Alltäglichen: „Wenn ich zu meinen bunten Mülltonnen gehe, habe ich schon festgestellt, dass der Ort der größten Trennung auch ein Ort der Begegnung sein kann“ – jedenfalls, wenn man dort auf Männer trifft.

So plauderte und sang sich Irmgard Knef durch zahlreiche „Werke aus meinem vorgezogenen Nachlass“ und gab dabei auch den Knef-Kult-Klassiker „Für mich solls rote Rosen regnen“ – natürlich in der Irmi-Version: „Auch ich wollt rote Rosen kriegen, gegen die Schwester im Rosenkrieg siegen ...“


In zwei Stunden hat Irmgard Knef einmal mehr Hockenheims Herzen erobert – und im Publikum den unbedingten Wunsch gesät, auch das dritte Programm („Die letzte Mohikanerin“), mit dem Heissig derzeit tourt, erleben zu dürfen. Und sie hat ein Stück Lebensweisheit in der Rennstadt gepflanzt, die sich im Zitat Maria Rilkes („die auch immer nur im Zusammenhang mit ihrem Bruder Rainer genannt wird“) zusammenfassen lässt: „Wer denkt schon an siegen – überstehen ist alles!“



Weitere Informationen im Internet unter www.irmgard-knef.de.