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Erschienen
Gottvertrauen und theatralische Dramatik in der Passion
05/2006
„Lasst uns mit Ernst betrachten den Grund der Seligkeit“ - nur ein halbes Jahr nach dem letzten großen Erfolg mit den Messen von Gounod, Rheinberger und Saint-Saëns im Oktober 2005 setzte die Evangelische Kantorei am vergangenen Karfreitag ein neues musikalisches Glanzlicht, das gleichzeitig eine sowohl kulturelle, als auch spirituellen Bereicherung der Passionszeit darstellte. Vor einem beachtlich gut besuchten Gotteshaus gaben die rund 50 Sängerinnen und Sänger zusammen mit einem Dutzend Instrumentalisten und fünf Vokalsolisten unter der Leitung des Hockenheimer Kantors Christian Holger Bühler die 1746 erschienene und damit mittlere - insgesamt schrieb Telemann elf Passionswerke zum Matthäus-Evangelium - Matthäus-Passion Georg Philipp Telemanns. Gerade weil die Passions-Zeit vokalmusikalisch stark von Bach dominiert wird und der bereits wenige Jahre nach Telemanns Tod 1767 aufkeimenden rundherausen Ablehnung des zu seinen Lebzeiten uneingeschränkt bekanntesten deutschen Komponisten, der damals selbst Bach im „Ranking“ meilenweit schlug, zum Trotz, setzte die Kantorei mit der rund eineinhalbstündigen Passionsmusik auch ein außergewöhnlich lebhaftes Zeichen in einer traditionell eher von Trauer geprägten Zeit.

Das ist vor allem der ausgeprägten Theatralik in Telemanns Musik geschuldet; wenngleich seine Komposition musikgeschichtlich bei weitem nicht die Bedeutung der bereits 20 Jahre zuvor erschienenen Matthäus-Passion Johann Sebastian Bachs erreichen kann, erlaubt sie doch einen außergewöhnlich emotionalen und vielschichtigen Einblick in den letzten Leidensweg Christi.

Gerade diese auf musikalische Tiefenwirkung angelegte Komposition verlangte den Vokalisten und Musikern einiges ab. Der gemischte Chor der Kantorei, der sich als diszipliniertes und interpretationsfreudiges Organ präsentierte, das auf eine klare und saubere Tonführung Wert legt und mit seinem Stimmpotential auch Ausflüge in Höhen und Tiefen problemlos meisterte, hebt sich von vielen Kirchenchören der Region wohltuend ab. Den sehr klassisch angelegten Chorälen verliehen die breit aussingenden Vokalisten, die trotz der zahlenmäßigen Schwächen in den Männerstimmen mit einer gut dosierten Mischung der Lagen homogen und gut austariert auftreten konnten, spirituelle Tiefe, besonders heimisch fühlten sie sich aber in den straff durchakzentuierten und einwurfsartig rhythmisierten Chören, denen sie mit einem durchaus bemerkenswerten Esprit Leben einhauchten: Schmerz und Hoffnung verband sich im Chorgesang so zu der Einheit, die Passion und Auferstehung nahe legen.

Unter den Solisten stach vor allem der Bass-Bariton Thomas Herberich hervor. Den an der Musikhochschule Köln bei Prof. Dr. Franz Müller-Heuser, der neben der eigenen Aufführungspraxis auch als Präsident des Deutschen Musikrates und Vorsitzenden des Deutschen Kulturrates fungierte, ausgebildeten Sänger, der eine besondere Schwäche für das Opernfach und die alte sakrale Musik mitbringt, hätte man gerne mehr gehört: Warm und vertrauenerweckend präsentierte er sich mit viel dynamischem Eifer, verkörperte sowohl den verzweifelten, als auch den aufgebrachten Jesus perfekt und wurde mit seiner Strahlkraft und der perfekt intonierenden Stimme der Christus-Figur gerecht, wie es nur denkbar ist: Er ließ Jesus als Mensch erscheinen, ohne den göttlichen Pathos zu schmälern.

Die Altistin Regina Grönegreß beeindruckte mit zärtlichen, fast liebevollen Interpretationen, denen sie mit ihrer süßlich-schlanken, dabei aber auch beeindruckend festen Stimme mit viel Volumen und großer Ausdruckskraft spielend gerecht wurde. Höhe schien der Sängerin, die auch in wunderbar ausgesungenen Koloraturen und mit andramatisiertem Pathos zu überzeugen wusste, keinerlei Schwierigkeiten zu machen.

Ganz in ihrem Element schien die mit fast tänzerischer Leichtigkeit, viel Anmut und Freude auftretende Sopranistin Josefa Kreimes zu sein: Ihr Sopran strahlte durch das Gotteshaus, dynamisch detailverliebt und in jedem Ton ganz exakt die Stimmung treffend erhöhte sie damit noch den spirituellen Wert der Arien. Leichtfüßigkeit auf der einen, dramatische Finesse auf der anderen Seite vereinigte Kreimes zu einem fulminanten Beitrag.

Deutlich schwächer die beiden Tenöre. Der Evangelist Ingo Wackenhut konnte zwar mit einem angenehmen, schlanken Tenor in der Mittellage aufwarten, hatte aber deutliche Probleme mit der Höhe, wo seine Brillanz schnell schwand. Ebenso erging es Tenor Udo Müller. Dessen biegbare Stimme, die viel Eloquenz atmete und den Läufen reghaft folgte, war durch eine Krankheit deutlich angegriffen, weshalb ihr insgesamt etwas die Farbe fehlte, was Müller aber mit einer fast mit Händen greifbaren Begeisterung in d emotionaler Präsenz wettmachte.

Nicht unerwähnt bleiben sollten auch zwei „Eigengewächse“ der Kantorei, die ebenfalls, wenngleich auch mit kleineren Partien, solistisch mitwirkten: Die Bässe Manfred Christ und Thomas Gärtner gaben den Pilatus und den 2. Zeugen.

Für all die Leistungen der Vokalisten legte das von Christian H. Bühler zusammengestellte Kammerorchester, das in seinen Dimensionen dem historischen Vorbild sehr nahe kam, das Fundament: Im Tutti mit dem Chor gaben die elf Musikereinen guten Eindruck von ihrer Durchzugskraft, im Zusammenspiel mit den Solisten blieben sie aber dezent und setzten imposante Akzente, ohne den Sängern Raum zu nehmen.


Als am Ende des Konzerts das „Kyrie eleison“ in aller Inbrunst erscholl, war das wie der Vorbote eines Neuanfangs: Die Jesus-Anrufung „Herr erbarme dich“, die üblicherweise am Beginn einer Messe steht, verkörperte wie auf einen Punkt focussiert das Gottvertrauen, das in dieser Passion zum Ausdruck kam – und gäbe es eine bessere Botschaft zum Osterfest?