2017
 
 
 

Rezensionen

Editorial
Gästebuch
Archiv
Links
Kontakt

Suchmaschine

 
Weitere Artikel nach
Autor
Weitere Artikel nach
Titel

 

 

Drucken | Kommentar erstellen

_____________________________

Heinrich Breloer
Erschienen
Speer und Er
Hitlers Architekt und Rüstungsminister
05/2006
Propyläen-Verlag, München
418 Seiten / € 24,95
"Die Hitlers und Himmlers mögen wir loswerden - die Speers werden uns bleiben", schrieb der Publizist Sebastian Haffner 1944. Dieses Zitat steht am Anfangdes Begleitbuchs zuHeinrich Breloers Fensehdokudrama über Hitlers Architekten und Rüstungsminister Albert Speer. Der Autor und TV-Regisseur zeichnet den Lebensweg Speers nach. In unkonventioneller Art geht Breloer nicht chronologisch vor, sondern "switcht" abwechslungsreich durch die Stationen des Lebenswegs Speers. Sohn aus dem gutbürgerlichen Hause einer Architektendynastie, Architekt und Generalbaumeister des"Führers", Rüstungsminister, Kriegsverbrecher, Häftling und Bestsellerautor. Virtuos verbindet Breloer Orginaldokumente, die zum Teil in diesem Projekt erstmals erwähnt werden, mit bereits vorhandener Speerliteratur und Interviews mit Zeitzeugen. Es geht dabei auch immer um die Frage, wasSpeer gewusst hatvon den Massenverbrechen der Nationalsozialisten, zu deren Spitzenrepräsentanten er zweifelsfrei gehörte. Das besondere an Speer war, dass er als einziger der angeklagten Nationalsozialisten bei dem Nürnberger Kriegsverbrecherprozess 1945/1946 eine Gesamtverantwortungder Schuld für die Verbrechen bejahte, aber auf individueller Ebene vorgab, nichts vom Holocaust und Auschwitz gewusst zu haben. Durch sein eloquentes Auftreten und die stetige Einrede, er sei - als eigentlicher Künstler -plötzlich unddurch eine Reihe von Zufällen 1942, als der Krieg in vollen Zügen war, zum Rüstungsminister ernannt worden und habe gleichwohl wie ein Manager in den USA oder England unpolitisch dafür gesorgt, dass die Rüstung am Laufen blieb, wurde er unerwartet nicht zum Tode verurteilt, sondern lediglich zu zwanzig Jahren Haft, die er vollständig in Berlin-Spandau verbüßte, von wo Speer 1966 entlassen wurde.

In der Zeit danach bis zu seinem Tod 1981 gab Albert Speer sich als denjenigen aus, der stets nur das Beste für sein Land wollte und durch die Sabotage an Hitlers Befehlennoch schwerere Zerstörungen in Deutschland verhindert habe.

Mit einer bewundernswerten Akribie in derRecherche gelingt es Heinrich Breloer, dieses (Selbst-)Bildnis Speersaufzuweichen. Er weist nach, dass dieser bereits 1938 als Generalbaumeister für Berlin Juden aus Ihren Wohnungen vertrieb, als Rüstungsminister von Auschwitz Kenntnis hatte und tief in das Zwangsarbeitersystem verwickelt war, von demgerade Speers Rüstungsindustrie abhängig war. Wären all die Dokumente, die den Historikern heute zur Verfügung stehen, bereits 1945 bekannt gewesen, Speer wäre wohl kaum am Leben geblieben.

Ein Glanzpunkt des Buches, welches der Fernsehfilmvorlage bei weitem sowohl in Bezug auf die Fülle, als auch auf dieQualität derInformationen überlegen ist, sind die Gespräche, die der Autor mit Kindern Albert Speers geführt hat. Sie sind gekennzeichnet durch ein bemerkenswert differenziertes Bild vom Vater und eröffnen aufschlussreiche Blicke auf den Menschen Speer.Breloer hat in einem sechshundertseitigen Dokumentationsband ("Unterwegs zur Familie Speer, Begegnungen, Gespräche, Interviews" erschienen 2005 ebenfallsbei Propyläen)sämtliche Gespäche mit Familienangehörigen und Zeitzeigen wiedergegeben - für den interessiertem Leser nur zu empfehlen ist und ein hervorragendes Quellenbuch zur Geschichte des Nationalsozialismus in Verbindung zu einer deutschen Familie.

Zurück zu "Speer und Er". Mit"Er" ist Adolf Hitler gemeint. Natürlich.Der mit Kunstpreisen prämierte Breloer geht in diesem Buch auch auf das menschliche Verhältnis zwischen dem Architekten Speer und Hitler, der in seiner Jugendzeit gerne Architekt geworden wäre, ein. Die Komplexität dieses Vorganges zeichnet der Autor glänzend nach.

Leicht verwirrend sind die vielen Fotos im Buch. Manchmal fällt es schwer, zwischen Originalaufnahmen und gespielten Szenenaufnahmen aus dem Film zu unterscheiden.


Dies kann aber den hervorragendenGesamteindruck kaum stören. Heinrich Breloer gelingt es, Geschichtswissenschaft mit Biographie und Unterhaltungskunst zu vereinigen.

Erübertrifft mit diesem Meisterwerk die Speer-Biografen Joachim Fest und Gitta Sereny bei weitem.

PK