2017
 
 
 

Rezensionen

Editorial
Gästebuch
Archiv
Links
Kontakt

Suchmaschine

 
Weitere Artikel nach
Autor
Weitere Artikel nach
Titel

 

 

Drucken | Kommentar erstellen

_____________________________

Erschienen
„Trauer-Alemannen“ üben „Kopfstand“
06/2006
Gleichsam als „Vorprogramm“ zur diesjährigen „Woche der Städtepartnerschaft“, mit der alljährlich der Patenschaftsverein Hockenheim-Commercy seine Verbindung zu den französischen Nachbarn revitalisiert, präsentierte am vergangenen Freitag Abend die beliebte Liedermacherin Joana im Hockenheimer Kulturzentrum „Pumpwerk“ einmal mehr eine deutsch-französische „Nacht der Lieder“. Neben der Mannheimer „Schlappgosch“ selbst brachten die lange sehnlich zurückerwartete Straßburger Kabarettistin Huguette Dreikaus und das Trio „Mannijo“ das entsprechende Flair in den Musentempel.

Joana präsentierte sich – wie immer im Rahmen dieser längst schon zur Tradition gewordenen Veranstaltungsreihe – als perfekte Gastgeberin: Dezent führte sie die Künstler beim Rennstadtpublikum ein und ließ so den eigenen Programmbeitrag etwas schrumpfen. Dennoch gab sie auch selbst ihre musikalische Visitenkarte ab: Aus ihrem neuen Programm „Kopfstand“ gab sie zusammen mit Pianist Peter Grabinger unter anderem die nachdenklich-traurige Ballade „Hurra ich bin Dich los“, daneben aber auch das aufrüttelnde „Sage nein“ von Liedermacherkollege Konstantin Wecker als Front gegen völkischen Nationalismus und rechtsradikales Gedankengut und das gemeinsam mit dem Comedy-Barden Jacko Habekost geschriebene Anti-Bush-Lied „Schorsch W.“. Stimmlich scheint die charmante Frau, die seit mehr als 40 Jahren auf den Bühnen der Welt steht, sich nach wie vor nicht ganz erholt zu haben, doch bringt sie so viel Potential mit, dass es dem treuen Publikum, das teilweise schon seit vielen Jahren die „Nächte der Lieder“ bevölkerte, keineswegs bitter aufstieß. Ganz im Gegenteil fasziniert die Frau mit der dunkel-warmen Stimme vor allem als Mensch mit einer ungebrochenen Leidenschaft: Sie fesselte die Herzen und entfesselte Begeisterung.

Auf dieser Welle konnte auch das Trio „Manijo“ reiten: Der aus Koblenz stammende Gitarrist und Sänger Manfred Pohlmann, der inzwischen vier Solo-CDs eingespielt hat und häufig mit dem im „Pumpwerk“ ebenfalls gern gesehenen Roger Siffer zusammen musiziert und der Lothringer Liedermacher Jo Nousse spielten sich – begleitet und akzentuiert von Patrick Riollet an den Keys - musikalisch und sprachlich die Bälle zu und begeisterten ihr Publikum „iwer d’Grenzen“ hinweg. Da brachten die beiden Vegetarier eine fiese Weise zu Graf Dracula, die mittelalterliche Melodie aus der vergessensten der vergessenen Regionen Frankreichs, den französischen Ardennen und gaben einen aufschlussreichen Einblick in ihre große Sammlung von Trinkliedern. Auch wenn die Jungs vielleicht einen Hauch zu platt coverten (die Neuinterpretation von „In the Jungle“ ließ doch zu wünschen übrig), konnten sie alles in allem doch überzeugen. Das lag vor allem an der warm-erdigen Stimme Nousses, der den Titeln Charakter und Leben einhauchte und den auch auf der Bühne deutlich unscheinbareren Pohlmann glatt an die Wand sang.

Unumstrittenes Highlight der Nacht aber war die Elsässer Kabarettistin Huguette Dreikaus. Vor drei Jahren war sie zuletzt im „Pumpwerk“ und hatte damals eine begeisterte Anhängerschaft hinterlassen, die gerne schon viel früher wieder von der gewichtigen Botschafterin des französischen Grenzlands gehört hätte.

Nun war sie wieder da – und sie wirkte, all den Schicksalsschlägen, die einen früheren Auftritt verhindert hatten zum trotz, jünger, vitaler und noch viel enthusiastischer als je zuvor. Mit ihren Geschichtchen aus dem ganz normal wahnsinnigen Alltag zeichnete die Mimin, die im Straßburger Kabarett „Choucrouterie“ unablässig Erfolge feiert, wieder einmal eine Charakterstudie vom deutsch-französischen Übergangsland und seinen Bewohnern, die sich - völlig natürlich – über ihr Alter grämen und die verhassten Klassentreffen („Offedeggl, sin die old und fett“) verabscheuen, aber trotzdem mitfahren: „Wir waren auf der Hornisgrinde, damit die Deutschen unseren Speck auch sehen“.

Die bodenständige, bisweilen auch erfrischend derbe Dreikaus plauderte sich durch ihre Stories und ließ eine Bevölkerungsgruppe anschaulich werden, die es eigentlich gar nicht wirklich gibt: Die Elsässer als „Trauer-Alemannen“. Vor allem aber gab sie einen Einblick in die Sprachgewalt ihrer Heimatregion – und veranschaulichte, dass man das durchaus wörtlich nehmen kann: Einen italienischen Gondoliere jedenfalls hat sie – unter zu Hilfenahme aller Ausdrücke, die man im Elsass für „schlagen“ kennt – ordentlich vermöbelt.

Glücklicherweise hatten ja die „Schwowe“ (ein Sammelbegriff für die Deutschen an sich) den Gesang ins Elsass gebracht, wo es in der Folge zu „Zwangseinziehungen in die Musikschulen“ kam – wie sonst hätte Huguette unter dem tosenden Applaus ihrer Zuhörer Dalida, Mireille Mathieu, Freddy Quinn, Roy Black und Heintje direkt hintereinander parodieren können.


Bis tief in die Nacht hinein brannten die sechs Künstler ein musikalisch-kabarettistisches Feuerwerk ab, das einer neuen „Nacht der Lieder“ alle Ehre machte.