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Erschienen
Tiefe Verbeugung vor einer außergewöhnlichen jungen Künstlerin
06/2006
Abschied ist die Türe zum Neuanfang – eine solche wird die seit vielen Jahren in der Hockenheimer Region bekannte Musikerin Anja Engelberg in kürze aufstoßen. Mit einem Abschiedskonzert verbeugte sich die Hockenheimer Sing- und Musikschule Anfang Mai in der evangelisch-methodistischen Christuskirche vor dem Ausnahmetalent.

Die erst zwanzigjährige junge Frau hat sich vor 14 Jahren eher durch Zufall für ein Instrument entschieden, das geradezu außergewöhnlich ist: Bei einem „Tag der offenen Tür“ der Sing- und Musikschule wurde das damals kleine Mädchen, das eigentlich Violine lernen wollte, von der Viola da Gamba gefangen genommen und hat es an dem historischen Streichinstrument inzwischen zu einer durch zahlreiche Siege bei nationalen Wettbewerben attestierten Meisterschaft gebracht: Bei den Musikwettbewerben „Jugend musiziert“ des Deutschen Musikrates errang sie zuletzt den 1. Preis im Bundeswettbewerb der Kategorie „Trio“ zusammen mit den Gambisten Annika Gerhards und Jan Gotthardt. Nun wechselt die charismatische Musikerin ins Profilager – wenngleich sie sich im Klaren darüber ist, dass sie dabei kaum Aussichten auf eine gut bezahlte Anstellung in einem Orchester hat, wo die Gamben-Ära mit den „Brandenburgischen Konzerten“ des Meisters Bach endete: In der Freiberuflichkeit müsse man sich „täglich neu erfinden“, wie es Hille Perl, eine der international gefragtesten Gambistinnen auf den Punkt bringt. Perl lehr an der Bremer Hochschule für Künste, an die auch Anja Engelberg wechseln möchte, wenn bei den Aufnahmeprüfungen im Juni alles gut läuft. Entsprechend klar ist für die aufstrebende und ehrgeizige Künstlerin ihr Abschied von Hockenheim.

Nicht verwunderlich also, dass sich im Publikum, das die Christuskirche bis auf den letzten Platz füllte, trotz eines gelungenen Konzerts, bei dem Anja Engelberg mit dem Spielkreis für alte Musik ein Arrangement des englischen Folksongs „Greensleeves“, gemeinsam mit Verena Schillinger (Blockflöte), mit der sie 2001 den 3. Preis im Landeswettbewerb „Jugend Musiziert“ in der Kathegorie „Duo“ errang, drei Konzertstücke aus der Sammlung „’T Uitnement Kabinet“ des belgischen Komponisten Christiaen Herwich und mit dem bislang erfolgreichsten Trio Engelberg-Gerhards-Gotthardt den „März“ aus der Sammlung „Month“ des englischen Komponisten und Gambisten Christopher Simpson gab.

Besonders eindrucksvoll konnte die junge Frau ihre Fertigkeiten zusammen mit ihrem Lehrer Robert Sagasser und zwei Werken Antoine Forquerays und im Zusammenspiel mit dem Hockenheimer Kammerorchester und einem Concerto des italienischen Komponisten Giuseppo Tartini, der zu den bekanntesten Violinisten überhaupt zählt.

Engelberg zeichnete sich durch eine natürliche Vitalität aus, die enormen Enthusiasmus und sichtbare Freude am Spiel versprüht. Besonders wohl zu fühlen schien sie sich entsprechend in den reich ausgestalteten Bögen in Forquerays „Chaconne“, die ihr kaum Schwierigkeiten bereiteten, sondern ganz im Gegenteil unablässig ihre musikalische Freude unterstrichen. Tartinis vielgliedrige Themenbögen spielte sie ruhig, fast genüsslich aus und konnte in den teils sehr verzwickten Passagen nicht nur ihr technisches Könne, sondern auch ihren interpretatorischen Witz unter Beweis stellen, mit dem sie die emotionale Stimmung des „Grave“ ebenso zielsicher traf, wie die fast befreit wirkende Leichtigkeit des abschließenden Allegro.

Dieses viel bejubelte Konzert war nicht nur ein Lob für die junge Künstlerin, sondern gleichzeitig auch ein Dank an die Lehrer, „die Anja so weit gebracht haben“, wie es der Leiter der Sing- und Musikschule, Gerhard Nußbaum ausdrückte. Ein besonderes Lob sprach Engelbergs Mutter Myrta den Pädagogen aus: „Sie haben nicht nur musikalische Arbeit gemacht, sondern auch erzieherisch viel geleistet“. Engelberg ging in den 14 Jahren ihrer bisherigen Ausbildung durch die Hände einer ganzen Musiklehrer-Familie: 1992 nahm sie den Einzelunterricht bei Wilbet Rothbauer auf, bei deren Mann Kurt sie schon bald danach ins Ensemble trat. Die weitere Einzelausbildung übernahmen dann Tochter Martina Rothbauer und seit 2002 deren Ehemann Robert Sagasser.


Ein letztes Mal auf absehbare Zeit wird Anja Engelberg beim Jahreskonzert des Hockenheimer Kammerorchesters im November konzertieren. Zumindest die Liebhaber der Alten Musik werden aber sicherlich auch in Zukunft noch von Anja Engelberg hören: Wenn sie den künstlerischen Weg, den sie eingeschlagen hat, weiter voranschreitet.