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Erschienen
Starke Frauen von charismatischen Männern
06/2006
„Net ganz aus Üwerzeugung“ habe er die neue CD „Starke Frauen“ gemacht, kündigte der Lothringer Liedermacher Marcel Adam an, als er Mitte Mai im Hockenheimer Kulturzentrum „Pumpwerk“ seine neue Produktion vorstellte – es sei mehr die Einsicht gewesen, dass jeder Streit mit seiner eigenen Frau Claudia ihn einen Monat seines Lebens kosten würde.

Was der charmante Sänger dann in rund zwei Stunden auf sein Publikum herunterrieseln ließ, war dann aber nicht nur von Überzeugung getragen, sondern gar von Herzblut und einer unglaublichen emotionalen Aufrichtigkeit.

Von der im März vorgestellten CD, die die „Saarbrücker Zeitung“ in ihrer Besprechung korrekterweise als ein „inniges Album“ bezeichnete, gab Adam, der sein Publikum, das wie gehabt das „Pumpwerk“ zu sprengen drohte, auch im Jahr seines 25-jährigen Bühnenjubiläums binnen Sekunden um den Finger gewickelt hatte, das nachdenkliche Schicksalslied „Louise unn die Ligne Maginot“, das einem Mann wie Tränen aus der Seele tropfte, der selbst alle biografischen Höhen und Tiefen erlebt hat, den verschmitzten Gassenhauer „Noh de Liebe geh ich hämm zu minni Frau“ und die liebevolle Ballade „Elaine im Weltall“ als Hommage an seine Gattin. Überhaupt stand Claudia Gabriele sehr im Mittelpunkt seiner zumeist von einer humorigen Frozzelei durchzogenen Liebenswürdigkeit. So hat „Dona Gabriella“ beispielsweise alle Ambitionen, zu einem seiner neuen Allzeit-Hymnen zu werden wie das berühmte „Mir honn de Gottfried beerdischt“, das Adam später als Zugabe sang: Ein liebevoller Text, der nicht nur seiner eigenen „starken Frau“ ein Denkmal setzt, sondern der trotz seines optimistischen Grundtons auch Leid und Schmerz nicht verleugnet – „“Sie basst uff misch uff wie ä Muddakatz uf sin Klääne – sie schüddelt misch net zu fescht, sie wees, isch bin voller Träne“. Ohne Frage der am längsten und heißesten erwartete Titel, der dem Publikum ein erleichtertes und begeistertes Raunen abverlangte, als die ersten Akkorde erklungen waren: „’S Onna uff de Bonk“.

An seiner Seite hatte der Mittfünfziger, der nach wie vor auch die Herzen der jüngeren Frauen im Saal höher schlagen ließ, in altbewährter Weise das Duo „Au bout du monde“: Der Gitarrist Laurent Kremer und den Akkordionisten Vincent Carduccio. Wenngleich man ohne Frage konstatieren muss, dass die Konzerte Adams vor allem aus seinen Liedern und diese allem voran aus den Texten leben, muss der treue Adam-Fan doch mit Bedauern feststellen, dass die drei Musiker künftig getrennte Wege gehen wollen. Zusammen wird man sie im „Pumpwerk“ wohl zum letzten Mal gehört haben – und gesehen. Denn gerade das ist, was den großen Wert der beiden Mannen an Marcel Adams Seite ausmachte: Sie haben nicht nur seine Lieder mit einfühlsamen, manchmal auch ausgelassenen musikalischen Akzenten unterstützt, sie hatten auch eine enorme Bühnenpräsenz, die man noch einmal auskosten durfte: Den irgendwie verlegen-verschmitzt grinsenden Vincent, der mit sanft-sphärischem Ton den Melodien etwas sakrales zu geben vermochte und den draufgängerischen Laurent, der gerne auch selbst mal das Mikro ergriff. Adams Pläne gehen in eine andere Richtung und er wird, so ist zu hören, mit anderen Musikern zurückkommen. Zwar hat er mit „Jeder Dag än neier Spruch“ schon einen sehr beeindruckenden Vorgeschmack auf künftige Taten gegeben, die, wie er angab, entweder in einer erotischen, oder in einer philosophischen CD enden sollen, die aber, auch das ist schon bekannt, auf jeden Fall unter dem Titel „Liedermacher“ erscheinen wird, aber – „jo, leck misch doch am Krumbeersack“ – Carduccio und Kremer werden den Getreuen fehlen.


So bleibt nach einem vielumjubelten, frenetisch gefeierten und minutenlang beklatschten Konzertabend doch ein trauriger Beigeschmack, den man, wenngleich es an anderer Stelle schon einmal zu lesen war, kaum besser auf den Punkt bringen kann, als in den nachdenklichen Zeilen Dietrich Bonhoeffers, die das Trio zum Abschied sang: „Lass warm und still die Kerzen heute flammen, die du in unsere Dunkelheit gebracht. Führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen. Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht.“