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Stefan Finger
Erschienen
Franz Josef Strauß. Ein politisches Leben
06/2006
Olzog Verlag
562 Seiten / € 34.-
Nachdem Franz Josef Strauß verstarb, wurden ihm Trauerfeierlichkeiten zuteil, wie sie München seit der Zeit des Märchenkönigs Ludwig des II. von Bayern nicht mehr gesehen hatte. Wer war dieser barocke Staatsmann, der von vielen verehrt, aber auch wie kein zweiter Politiker in Mitteleuropa gehasst wurde? In 10 Kapiteln versucht der Historiker Stefan Finger, den Lebensweg FJS nachzuzeichnen, der von den "Gründungspolitikern" der Bundesrepublik Deutschland am längsten die Geschicke unseres Gemeinwesens mitprägte. Fingers Intention war nach eigener Aussage eine wissenschaftliche Arbeit zu erstellen, die weder zu einer Strauß-Hymne noch zu einem Anti-Strauß-Pamphlet mutieren sollte. Grundlage dieser umfangreichen Arbeit ist die gesamte relevante Literatur zu Strauß und 22 Interviews, die der Autor mit Weggefährten, Opponenten und Familienmitgliedern des langjährigen Bundesministers und Ministerpräsidenten des Freistaates Bayern führte. Stefan Finger macht keinen Hehl daraus, dass er der Verwendung von Primärquellen distanziert gegenüber steht. Es gäbe ferner langfristige Sperrfristen für Aktenmaterial, Einsichten bedürften der Genehmigung der Straußfamilie und die Stasiakte Strauß sei 1990 auf Anordnung des damaligen bayerischen Innenministers Edmund Stoiber vernichtet worden.

Methodisch arbeitet sich der Biograf auf der Zeitachse des Straußlebens kontinuierlich vor. Der Leser erfährt, dass der 11-jährige Metzersohn FJ Strauß bereits 1926 kritisch dem Nationalsozialismus gegenüberstand und den späteren Reichsführer SS, Heinrich Himmler, eine Sau geheißen hatte, als Himmler einmal seinen DKW vor dem Laden der Familie Strauß stellte und Strauß Junior mit dem Finger "Sau" auf Scheiben und Karosserie des Automobils schrieb. Der Jüngling beobachte, wie sich der SS-Führer darüber sichtlich ärgerte. Seine Eltern waren bayerische Patrioten, die Heinrich Himmlers Avancen, in die NS-Partei einzutreten, ablehnten -man kannte sich, denn Himmler kaufte in der "Schlachterei Strauß" gerne Leberkäse und die Spezialität des Hauses, Leberstreichwurst. In den Jugendjahren war der spätere Atom-, Verteidigungs- und Finanzminister sehr sportiv und brachte es 1934 zur Süddeutschen Meisterschaft der Straßenradfahrer. Offenbar mit vorzüglichen intellektuellen Fähigkeiten begnadet, legte Franz Josef Strauß im April 1940 die Lehramtsprüfung in klassischen Sprachen und Geschichte mit der besten Bewertung seit 1919 ab. Zu Strauß' Charaktereigenschaften zählt Finger immer wieder dessen Hang, legitime Ziele mit illegalen Mitteln zu erreichen. Auf diesem Wege gelang es unter anderem dem jungen Offizier im Zweiten Weltkrieg, seinen Kameraden das Leben zu retten und als Landrat von Schongau durch organisierte Schieberei die Bevölkerung vor Kälte und Hunger bewahrt zu haben. Selbst als Bundesminister habe Strauß diese Methodik angewandt, wenn dadurch schwerwiegender Schaden für die in seiner Verantwortung liegenden Personen oder Institutionen abgewendet werden konnte. Finger kritisiert, dass straußkritische Medien, vornehmlich die in der Hansestadt Hamburg ansässigen Printmagazine, dies als demokratiefeindliche Gesinnung auslegten und den Bajuwaren mit einer schon fast an pathologische Züge grenzenden Feindschaft, wie der Autor dies umschrieb, begegneten, während sie gleichzeitig den nachmaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt noch Jahrzehnte später als "Krisenmanager" lobten - obwohl der während der Flut 1962 als Innensenator in Notsituationen die selbe Methodik wie der CSU–Politiker Strauß angewandt hatte. Mit Fehlverhalten und Schwächen des FJS setzt sich der Autor selten und nur in rudimentärem Umfang auseinander. Dazu zählt er Strauß' mangelnde Selbstdisziplin, seinen manchmal ausufernden polemischen Redestil, eine schlechte Menschenkenntnis und seinen Hang zu alkoholischen Getränken, den Konrad Adenauer in einem Gespräch mit Theodor Heuss kritisierte. Finger springt aber sofort für seinen Helden in die Bresche und weißt darauf hin, dass Adenauer selbst dem Alkohol zugeneigt gewesen sei und gerne "Kessler-Sekt" aus Esslingen getrunken habe.

Über Strauß' Verhältnis zu anderen politischen Alphatieren seiner Zeit erfährt der Leser fast nichts. Nur Helmut Kohl scheint der Autor neben seinem Idol gelten zu lassen und bescheinigt diesem, ein wahrer Meister der politischen Taktik gewesen zu sein, dem es gelang, Kontrahenten wie zum Beispiel Strauß durch eine Methode auszuräumen, die in Frankreich "lever l`hypothèque" (die Hypothek tilgen) genannt wird: Darin wird ein Machtanwärter ausgeschaltet, indem man seine Chancenlosigkeit durch das Scheitern seiner Kandidatur unter Beweis stellt, wie es Kohl 1980 tat, indem er Strauß die Kanzlerkandidatur für die Bundestagswahl im Bewusstsein überlas, dass der Kandidat scheitern würde.

Warum wurde Strauß nie Kanzler? Finger macht die bereits erwähnten Hamburger Medien verantwortlich, denen es im Laufe der Zeit gelang, ein Bildnis des bayerischen Vollblutpolitikers in der Öffentlichkeit zu erschaffen, welches mit der Realität kaum übereingestimmt habe und das nur schwer zu korrigieren gewesen sei. "Audacter calumniare, semper aliquid haeret" (Verleumde nur dreist, etwas bleibt immer hängen), zitiert der Autor eine alte römische Weisheit und belegt dies neben vielen weiteren Beispielen auch anhand der Sonthofener-Rede, die der Oppositionspolitiker Strauß 1974 hielt. Durch geschickt platzierte und aus dem Zusammenhang vollkommen herausgerissenen Vorabmeldungen und Veröffentlichungen von Redeauszügen war es einem Nachrichtenmagazin gelungen, die Rede aggressiver, gefährlicher und missverständlicher zu machen, als sie es war. Der Leser kann sich sein eigenes Bild über die berühmte Rede machen: Ein vollständiger Abdruck findet sich im Buch.

Stefan Fingers politische Biografie über Franz Josef Strauß ist journalistisch gut geschrieben, scheitert aber an seinen eigenen Ansprüchen. Die Arbeit ist semiwissenschaftlich, nicht nur wegen dem fast vollständigen Fehlen von Archivmaterial. Nicht einmal zu einer tieferen kritischen Reflektion ist der Autor fähig. Tatsachenwahrheiten wie die missglückte Reform der Finanzverfassung zu Zeiten der Großen Koalition in Bonn 1966-69, an der neben vielen Akteuren auch Strauß als Bundesfinanzminister mitwirkte, blendet der Autor völlig aus. Wissenschaftler, Politiker aller politischen Couleurs sehen Heutzutage diese und andere Maßnahmen des damaligen schwarz-roten Bündnisses als Wurzeln für die finanztechnische Schieflage der Bundesrepublik an.

FJS Superstar. Finger stellt seinen Protagonisten als den eigentlichen geistigen Urheber der neuen deutschen Ostpolitik dar, der den Nahen Osten 1984 durch Vermittlungstätigkeiten vor größeren kriegerischen Tätigkeiten geschützt habe, ohne eine tiefergehende Analyse zu bieten und bleibt oftmals an der Oberfläche. Diese Arbeit ist vielmehr die unvollendete Autobiografie Franz Josef Strauß. Bei aller Sympathie für den Autoren: Selbst Helmut Kohls Autobiografie zeugt von größerer Objektivität und weitaus kritischerer Betrachtung als Fingers Werk, dessen Gerüst aus wenigen Staußbüchern besteht, die er gebetsmühlenartig immer wieder zitiert.


Weder Heldenverehrung noch Verteufelung sollte diese Biografie sein. Doch es ist das Buch eines Straußdieners geworden, der auf einer anderen Ebene in der Tradition seines Vaters steht, der einst Chef-Fahrer bei FJS war. Zur selbständigen geistigen Auseinandersetzung, wie soll es denn auch sein, wenn man ein Buch über sein Idol schreibt, ist Finger leider nicht in der Lage.