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Erschienen
Der Samstag auf dem Comic-Salon
07/2006
Vier Tage Comic-Salon kann man auf die unterschiedlichsten Weisen verbringen. Die einen schauen immer mal wieder bei den Händlerständen vorbei, weil da eine kostspielige aber sehr verlockende Rarität präsentiert ist, andere vertreiben sich die Zeit in den vielen Warteschlangen, um ganz persönliche Zeichnungen zu ergattern oder man pilgert durch die vielen interessanten Ausstellungen rund um den Comic, die Erlangen in dieser Zeit zu bieten hat.

Für jemanden, der alles mitmachen will, also jede Ausstellung gesehen, jede Party besucht, jeden anwesenden Zeichner gesehen, jedes neue oder alte Comic gesehen, jeden Vortrag gehört und jede der anderen Aktionen mitgemacht haben will bleibt da nur die Frustration, dieses Ziel nicht erreichen zu können.

So muss man sich spezialisieren, und wenn morgens früh um neun Uhr ein gut gelaunter Engländer, der für den gerade bei CrossCult erschienen zweiten Band der Reihe „The Walking Dead“ zum Interview vorbei kommt, dann könnte man versuchen, den Tag mit vielen Interviews rumzubringen.

Die freundliche Art Charlie Adlards macht aber jedem Menschen das Interviewen leicht. Klar gehören die Comics zu der Fernsehserie „Akte X“ zu seinen bekannteren Arbeiten. Aber das war Lizenzarbeit, und da muss man sich nach vielen Vorgaben richten. Auch da macht das Zeichen Spaß, aber eben nicht so sehr, als wenn man alles selber bestimmen kann. Und wenn es sich um eigene Idee handelt, da ist der Engländer nicht sparsam oder zurückhaltend. Und da legt er sich auch gerne mal mit seinen Auftraggebern an, wenn die ihm verbieten, einen nackten Mann auch unterhalb des Bauchnabels unbekleidet zu zeichnen. Das macht er dann aber trotzdem, und das gerade, weil er schließlich auch platzende Köpfe zeichnen dürfte – was er dann aber weniger gerne macht. Und deswegen gefällt ihm auch die Zombie-Serie, die er gerade zeichnet. Da geht es eben nicht um Gedärme und Blutorgien sondern um die Entwicklung von Menschen unter extremen Bedingungen.

Aber nach einer halben Stunde musste der super-gut gelaunte Mann wieder in die mittlerweile gut geheizte Halle des Salons um den das Bilder-Sammeln willigen Menschen Momente des Glücks zu verschaffen – das hat er dann auch ausgiebig getan.

Der Samstag fing also gut an. Samstag ist ja auch der Tag der Händler auf dem Comic-Salon. Wer sich mal so richtig bemitleiden lassen will, sollte sich auf die Suche nach dem Comic „Dr. Who“ machen. Normal ist da folgende Reaktion des Händlers: „Doktor Wer?“ - dann die aufkommende Erinnerung an die alte unter dem Logo „Condor TV-Comic“ laufende Serie mit den extrem hässlichen Covern. Diese Erkenntnis treibt das gewünschte mitleidige Lächeln zwischen Schadenfreude und Unverständnis auf das Gesicht des Händlers, der dann aber fast sofort seine Visitenkarte anbietet „aber schicken können wir das sicher“ - ein Satz der in Gedanken mit folgenden Satz beendet wird „da muss ich den Dreck schnell wieder aus der Mülltonne rausholen“.

Aufmunterung kann sich dann wieder am Stand von Zwerchfell holen. Die haben den sich leicht von leicht bekleideten Zeichenkolleginnen ablenkenden Chef-Bruder der Dinters. Der gibt sein leicht fehlerbehaftetes „Die kleinen Muterficker # 4“ übrigens nur gegen Bares raus. Und das sogar nur ungern, trotz der Aussicht auf Gewinn – ein Gedanke, der ihn als Kleinverleger besonderer Comics immer wieder aus der Bahn wirft. Bei der regulären Version sollen dann alle Seiten an den richtigen Stellen sein ;0) Weiter gings um freudsche Versprecher, psychologische Comics, leidenswillige Zeichnerinnen und immer wieder um die kleinen Mutterficker – der Titel ist ja auch herzallerliebst.

Im Titelwettbewerb stehen ja auch noch die schon etwas länger auf dem Markt befindlichen „Notgeilen Töchter des Atoms“. Den kürzesten Superheldencomic bunt und in Farbe gabs bei Inkplosion. Die hatten ihr daumennagelgroßes „Versus 2“ dabei. Da bemerkten dann auch die Superhelden „Hier ist zu wenig Platz“. Tolle Comics an allen Orten. Die Jungs von der „Herrensahne“ hatten ihre neue Nummer im Gepäck, die mit einem metallischen Cover ein echtes Highlight ist.

Aber zurück zu den Interviews. Das nächste gab es mit Erik Staub. Der hatte am Stand von Infinity sein Chroma # 2 liegen, und legte sich nach einem langen Signiertag mehr oder weniger gleich daneben. Der gelernte Hotelfachmann, Ex- und immer noch Hobby-Koch, Bildhauer und eben Comic-Zeichner begeistert durch seine fotorealistischen Frauenbilder. Im unter dem Label „Unmasked“ erschienen Chroma # 2 gibt es sogar den Vorabdruck des bald im amerikanischen Heavy Metal erscheinenden Comics, das er zusammen mit Rother gemacht hat. So viel zum Propheten im eigenen Land. Im Interview ging es um seinen Lehrer John Bolton, Selbstverwirklichung durch Hartnäckigkeit und klare Ziele und immer wieder seltsam gebildete Universitätsangehörige und -abgänger.

Der Abend gehörte dem Max und Moritz Preis. Jury-Preise sind immer umstritten, und da wird auch die Preisverleihung 2006 keine Ausnahme machen. Bestimmten vor zwei Jahren die knubbeligen Gallier die Bühne, blieb den Gästen der Veranstaltung diesmal sicher besonders die musikalische Umrahmung in Erinnerung. Da musste man schon eingeschworener Fan deutscher Musik in Anlehnung der großen Band Ideal sein, um selbst nach dem zehnten Stück noch Mittwippen zu können. Zwischendurch gab es die Preisverleihungen, die besonders der für sein politisches Rückrad geehrte Ralf König. Der machte sich nicht nur in der Vergangenheit über den Karikaturenstreit lustig, sondern ließ in einer inszenierten Lesung Gott und Moses ganz schön menschlich erscheinen. Diese willkommene Abwechslung wurde dann auch von anhaltendem Gelächter und fast frenetischem Applaus begleitet. Ähnlich gut kam der ganz leicht unterkühlt wirkende Jonas Blondal Zeichner. Der fühlte sich mit seiner schweren Geschichte um Erwartung und Verlust in der Kategorie Kindercomic nicht richtig aufgehoben, wollte aber wegen des Preises da nicht so viel argumentieren. Ohnehin wollte sich der Norddeutsche kurz fassen, was ihm aber nicht so recht gelang – sehr zur Freude des Publikums. Dafür waren die Lobreden diesmal kurz – das hätte man sich auch von der schon erwähnten musikalischen Begeleitung gewünscht.

Eine Bühne voller Comic- und abderer Prominenz. v.l: Überdsetzerin, Jacques Tardi, Moderator, Jan Taussig, Oberbürgermeister Dr. Siegfried Balleis, französischer Botschafter Claude Martin, Platthaus

Insgesamt eine gut generalüberholte Veranstaltung, die mit dem französischen Botschafter und dem sehr selten in der Öffentlichkeit zu sehendem und für sein Lebenswerk ausgezeichnetem Jacques Tardi zu recht als geadelt bezeichnet werden konnte.

Wer nach so einem Tag dann noch immer Energie hatte, konnte sich bei der anschließenden die Nacht erhellenden Verleihungsparty im Theatergarten noch zu den Klängen der Mädchencombo Loco Loco vergnügen – gar keine so verrückte Idee.

Keine Frage war das jetzt viel Text, wer sich die ganzen Interviews anhören will, braucht noch etwas Zeit – aber man sieht, wie viel in einem Tag Comic-Salon stecken kann; und dann gab es da noch die Elefantenrunde, die Ausstellungen und einen Tag, dem mit 24 Stunden einfach viel zu kurz war.


Schön war es wieder ein Mal. Dieses Jahr haben wir acht Interviews gemacht, Tardi gesehen und zusammen mit den Splashpahes drei lustige Tage gehabt. Bis in zwei Jahre!

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Die Bildergalerie: