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Gisela Graichen / Horst Gründer
Erschienen
Deutsche Kolonien. Traum und Trauma
07/2006
Ullstein Buchverlage GmbH & Co. KG, Berlin
482 Seiten / € 22.-
Es war eine kurze Zeitspanne von etwas mehr als drei Dekaden, in der das deutsche Kaiserreich über Kolonien in Afrika, in der Südsee und über einen Marinestützpunkt in China verfügte. Die Autoren Gisela Graichen und Horst Gründer haben sich in der vorliegenden Monographie die Aufgabe gestellt, das im öffentlichen Geschichtsbewusstsein fast verschwundene Thema der Deutschen Kolonien zum gegenstand neuerlicher Betrachtungen zu machen. Begleitend zur dreiteiligen gleichnamigen ZDF-Dokumentation ist diese Gesamtdarstellung erschienen. Die Verfasser der Arbeit erwähnen gleich zu Beginn ihrer Abhandlung, das Buch wende sich an ein breiteres Lesepublikum und sei deshalb in populärwissenschaftlichen Stil geschrieben. Strukturell geht das Buch chronologisch vor. Es bietet im ersten Teil deskriptiv gestrafft einen Überblick der politischen Ereignisse zur Deutschen Kolonialgeschichte. In der zweiten Hälfte des äußerst gelungenen Geschichtsbuches gehen die Autoren auf die Lebenswirklichkeit in den Kolonien ein. Gezeigt werden beide Perspektiven: Die der Kolonisten und denjenigen, deren Heimat plötzlich unter fremder Oberherrschaft stand. Hilfreich dabei sind die Darstellungen von Einzelschicksalen, die dem Buch eine Authentizität des Unmittelbaren verleihen.

So erfahren die Leser viele interessante Fakten, die man nicht ohnedies überall nachlesen kann. Dass es bereits im 16. Jahrhundert - jedoch unter spanischer Flagge - einen deutschen Gouverneur auf dem heutigen Gebiet Venezuelas gab, dürfte vielen unbekannt gewesen sein.
Die beiden Autoren schildern in sehr eindringlicher Weise, wie wenig das Bild von der glorreichen Kolonialherrschaft in den Köpfen von Millionen von Menschen mit der Wirklichkeit gemein hatte. Reich wurden nur die wenigstens der etwas mehr als 23.000 deutschen Siedler in den deutschen Kolonien. Volkswirtschaftlich gesehen waren die Kolonien große Verlustgeschäfte und vom moralisch-kulturellen Habitus der weißen Siedler blieben für die schwarzen Einheimischen oftmals nicht mehr als grausame Misshandlungen, Todesurteile und der Fluch des vom "weißen Mann" eingeführten Alkohols übrig. Schon bei kleinen Vorkommnissen, oftmals auch grundlos, peitschten Kolonialisten schwarze Afrikaner aus. 25 Peitschenschläge ("twentyfive") sind bis in die heutigen Tage ein trauriges Synonym für die europäische Kolonialvergangenheit auf dem afrikanischen Kontinent geblieben. Der Irrglaube von der kulturellen Überlegenheit der europäischen Nationen drückte sich zum Beispiel auch in Wortschöpfungen wie "boy" aus. Männliche Bedienstete, auch wenn sie schon längst das Erwachsenenalter hatten, wurden mit diesem Ausdruck tituliert. Die Siedler zeigten dadurch ihre Geringschätzung gegenüber ihren Angestellten.

Ergänzt wird das Werk durch zahlreiche Abbildungen und im Anhang mit Kartenmaterial der Deutschen Kolonien, sowie einer umfangreichen Literaturliste zum Thema.


Gisela Graichens und Horst Gründers Gesamtdarstellung "Deutsche Kolonien" ist eine gut geeignete Einführung in die deutsche Kolonialgeschichte, die sich flüssig lesen lässt und durchaus eine populärwissenschaftliche Bereicherung der Literatur zur Kolonialgeschichte bildet.