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Erschienen
Stimmungsvoller Abend mit Gänsehaut-Feeling
10/2006
Schon in der Schule hatte man sie gefragt, „Was willst Du machen einmal?“ – „Etwas mit Menschen vielleicht“, war die prompte Antwort. Keine Frage, dass ein solcher Dialog nur auf einer Kleinkunstbühne enden kann. Dort gab sich am vergangenen Freitag das Kabarett-Duo „Malediva“ einmal mehr die Ehre – vor vollem Haus versteht sich, hatte man sich doch schon im Frühjahr des vergangenen Jahres in die Köpfe und vor allem die Herzen der Rennstädter eingebrannt. Wobei: Hockenheimer waren eigentlich kaum anzutreffen im voll besetzten Musentempel und auch die Kennzeichen auf dem Parkplatz verdeutlichten, dass die Kombination der schrägen Berliner Vögel mit dem hiesigen Kleinkunst-Mekka eine weit reichende Anziehungskraft entfalten konnte.

Ohne Frage war der Abend jeden gefahrenen Kilometer wert: Eine zartbittre Bilanz der aus einer spießbürgerlichen Vergangenheit erwachsenen Gegenwart mit all ihren traurigen und komischen Facetten.

Das Duo „Malediva“ besteht eigentlich aus drei Personen. Zwei Stunden lang hockten diese auf der Bühne, als säßen sie im dritten Berliner Hinterhaus im Wohnzimmer: Der pfauenhaft gespreizte Lo Malinke mit blankem Schädel, mal männlich tiefer, dann wieder weibisch schriller Stimme aber immer unheimlich viel Sex-Appeal und der gefühlvolle Kontrapunkt und dabei nicht weniger erotische Tetta Müller, dahinter, ganz jenseits des Rampenlichts, aber immer wieder Thema der beiden im Mittelpunkt stehenden Paradiesvögel, der Pianist und Komponist Florian Ludewig. „Ich sage der und könnte sagen die“, mag man in Anlehnung an Brecht denken, sind Müller und Malinke doch dermaßen androgyn, wie man es selten zu sehen bekommt auf deutschen Bühnen. Geschlechtslos und dabei hocherotisch.

In ihrem zweistündigen Programm „Heimatmelodie“, das die beiden bereits seit zwei Jahren geben und das erst kürzlich mit dem Deutschen Kleinkunstpreis der sparte „Kleinkunst“, der sicherlich wichtigsten Auszeichnung in diesem Genre, dekoriert wurde, schlägt „Malediva“ einen weiten Bogen von der ländlich-muffigen Kindheit („Uffem Land, da geht kein Bus mehr nach sechse“) über das Älterwerden („Das merkt man bei Männern an asymmetrisch hängenden Arschbacken – das ist echt eine schräge Sache!“) bis hin in die niederen Tiefen der Promi-Kultur („Für so ein Leben würd ich meinen Arsch geben“ – „Das müsstest Du dann ja auch!“) – um doch immer um das eine, das große, das wunderbare und doch so schmerzerfüllte Thema zu kreisen: Letztlich dreht sich alles um die Liebe, um das Gefühl füreinander, um den großen Traum und das feuchte Gefühl, wenn dieser einer Seifenblase gleich zerplatzt ist.

So ist „Malediva“: Urkomisch und doch melancholisch, gespreizt aber immer tiefsinnig, schrill und verrückt aber immer und ununterbrochen voll Poesie.

Deshalb ist das systematische Inswortfallen auf der Bühne mehr als nur die ausgelassene Orgie aus Mimik und Gestik, finden die beiden engelhaft weiß geschminkten Schönen treffsicher und ohne jeden Umweg in die Herzen ihrer Zuschauer: Weil sie unterhalten und dabei doch mit Herz, Geist und Seele bei der Sache sind. Sie und ihre Zuschauer ebenso.

Wann immer Ludewig seine traumhaften Melodien über die Tasten schickte und die beiden Streihähne sich für ein Lied unterbrachen, waberte ein Gänsehaut-Feeling durch das ehemalige Wasserwerk, dem man sich beim besten Willen nicht entziehen konnte: Atemlos lauschte das Publikum den zarten Gesängen wie den Staccatohaften Reißern, gespannt auf jeden Ton, vor allem auf jedes Wort. Die Musik ist sicherlich, was die Herzen öffnet, aber erst die Texte sorgen für diese fast schon intellektuelle Form von Begeisterung. Weil sie unverblümt sind, offen, ehrlich, emotional sofort nachvollziehbar und doch von einer sprachlichen Schönheit wie die beiden Engel auf der Bühne. Als sie ihr sanftes „Es tut mir leid, ich bin leider nicht mehr in Dich verliebt, ich bin nicht mehr einer von uns beiden“ hauchten, waren die Herzen der Pumpwerk-Besucher ganz vom Schmerz erfüllt, als „Malediva“ „Wenn ich seine Freundin wär“ hämmerte, war Wut darin – selten kann man einen so unvermittelten Zugang eines Künstlers in die Gefühlswelt seines Publikums erleben.

Zwei Stunden lang verpackte „Malediva“ adrett und frivol eine ganze Batterie von Botschaften, die eigentlich gar nicht so leicht verdaulich waren. Fast körperlich musste man den Schmerz spüren, wenn die beiden, die in Wirklichkeit schon lange ein Paar und seit 2001 auch verheiratet sind, aufeinander einhackten. „Neulich im Supermarkt hab ich mich eine halbe Stunde mit Dir unterhalten ...“ – „Da hab ich im Auto gewartet!“ – „Ja, das hab ich dann auch gemerkt.“ Kann es etwas traurigeres geben, als an einer Tiefkühlkost-Truhe mit den Schwächen der eigenen Beziehung konfrontiert zu werden? „Gerade in der Liebe sind Schmerzen nicht kleinlich, so sangen die beiden in ihrem Titel „Staub gibt es mehr als Blumen“, „aber alles ist besser, als allein sein“.


Entsprechend wohltuend ist, dass die beiden nach dem Ende des Programms wieder ein Herz und eine Seele waren und ganz einig mit sich und dem Publikum in ihren vom Publikum geradezu erzwungenen Zugaben: „Haltet Euch gut vor der Nacht versteckt, wir haben für Euch schon die Englein geweckt“ – ein unsagbar stimmungsvoller Abschluss unter einen unsagbar stimmungsvollen Abend. „Du sagst es so wahr, dass es weh tut!“

 

 

 
 

©:www.malediva.de