2017
 
 
 

Rezensionen

Editorial
Gästebuch
Archiv
Links
Kontakt

Suchmaschine

 
Weitere Artikel nach
Autor
Weitere Artikel nach
Titel

 

 

Drucken | Kommentar erstellen

_____________________________

Winsor McCay
Erschienen
Little Nemo
10/2006
Taschen International GmbH, Köln
434 Seiten / € 19,90
Es ist unglaublich, dieser Comic ist 100 Jahre alt! Und noch unglaublicher: Er ist auch heute ein unterhaltsamer Mix aus völlig abgedrehter Fantasie und Slapstick.

Aber wer kennt nicht den Namen Winsor McCay? Der 1934 verstorbene Kanadier ist ein Pionier der Erzählkunst. Zuerst mit dem im vorliegenden Band komplett aufgelegten Zeitungscomic „Little Nemo“, dann mit seinen Zeichentrickfilmen.

Der Taschenverlag hat es also mal wieder geschafft: Ein Meilenstein der grafischen Kunst in einer erschwinglichen Edition zu veröffentlichen. Stein ist gar nicht so verkehrt, denn die über 400 Seiten samt dem Hardcover wiegen schon einiges und mit knapp unter zwanzig Euro stimmt das erschwinglich auch.

Was macht Little Nemo zum Klassiker? McCay ist ein wunderbarer Zeichner. Ganz dem Jugendstil verbunden platzen seine Panel vor lauter Detail schon aus den Nähten. Seine Architektur ist gigantisch und perspektivisch korrekt, seine Schnörkel elegant und seine Figuren lebendig.

Auch die Geschichten sind besonders: Zu Beginn erzählen seine Little Nemo Episoden von eskalierenden Alltagssituationen und laufen nach einem festen Schema ab: Zuerst fällt etwas Vertrautes wie ein Glas Milch um, dann brechen auch die Wände ein und dann zerbricht die ganze Welt. McCay setzt hier Zeichen, wie eine Aktion zu beschreiben ist. Seltsam, dass sich spätere Comics wie Superman nicht an diese Vorgaben hielten und auch grafisch deutlich minderwertiger waren. In Little Nemo sind die Schritte, die zur Katastrophe führen, immer nachvillziehbar. Da wird die Schneekugel, die den Hang hinunterrollt immer größer, der ebene Weg löst sich immer weiter auf oder die Personen werden schrittweise immer größer. Ein weiteres Schema ist das Überblenden aus der erwarteten Umgebung in eine überraschende. So wird ein gefrorener See mit seltsamem Bewuchs am Rand zu einer gigantischen Glatze und das Unkraut zu Augenbrauen.

Das Ende ist immer gleich, der kleine Nemo wacht meist neben dem Bett auf. Später erkundet das Kind im Schlaf die Traumwelt, in der alles möglich ist. Der Jungbrunnen wird gefunden, Dinosaurier zu Reittieren degradiert und der Mond ist ein Meer von Lilien. Wer sich in der Welt von Oz zu Hause fühlt und immer wieder gerne mit Alice ins Wunderland geht, wird nach der Lektüre von Little Nemo zufrieden merken, dass man endlich gefunden hat, nach dem das Unterbewusste schon immer gesucht hat. Dieser Klassiker wurde schon wiederholt in Deutschland aufgelegt. Hier erstmals komplett in einem Band. Glücklicherweise hat man statt der neu colorierten Version, die durch ihre unpassenden Bonbon-Farben und der mäßigen Reproduktion viel vom Zauber und den Detail des Originals verlor, die unbearbeiteten Scans der alten Zeitungsseiten abgedruckt. Die sind zwar teilweise dreckig, zeigen aber die hohe Kunst, die damals im Farbdruck möglich war.

400 Seiten traumhafte Zeitungsgeschichte für nur zwanzig Euro? Es klingt immer noch unglaublich. Taschen hat den Band in China drucken lassen – vielleicht erklärt das den Preis und den starken Geruch, der von dem frisch geöffneten Buch ausströmt. Vielleicht ist es auch das Schicksal, das nun auch den Pfennigfuchser in die friedvoll unruhige Welt des Unmöglichen entführen will. Wäre die Welt eine Bessere, wenn wir alle Little Nemo gelesen hätten? Nur ein paar Gedanken später muss man zum Schluss kommen, es kann keinen Krieg unter Freunden dieses Comic-Klassikers geben.


Toll! Toll! Tolltoll!