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Erschienen
Musikdiabolische Heilsbringer treffen HISStoriker
11/2006
Sie sind gekommen, um der Welt Mores zu lehren – schwarze Engel des Zweivierteltakts, Hohepriester der Ekstase, Götter der Polka: „Los Gigantos“ „HISS“, die unmenschliche Truppe um Leader und Held der Handharmonika Stefan Hiss, die „Menschen in der Nacht“ seit mehr als zehn Jahren nicht nur in die Konzertsäle locken, sondern daselbst auf dem Altar des heißen Rhythmus den Gekommenen auch gleich den Muff aus- und dafür den Tanz-Teufel eintreiben. Folgerichtig war auch am vergangenen Freitag Abend im Hockenheimer Kulturzentrum „Pumpwerk“ „Lernen und Lachen der pädagogische Ansatz unseres Abends“: „Wackel mit dem Hintern, hebe deine Beine, tanz mit irgend jemand oder tanz alleine. Du kannst hüpfen oder zucken, schweben oder bängen, bewege deine Arme oder lass sie hängen - aber tanz!" Was die fünf Veteranen der systematischen Ekstase mit ihrem bereits im vergangenen Jahr aufs Volk niederprasseln ließen, war auch diesmal wieder Garant für eine dauerhaft orgiastische Ausgelassenheit, wie sie die nicht eben tanzbegeisterte Rennstadt selten zu sehen bekommt: Schweißnasse Körper wanden sich in zuckenden Rhythmen umeinander, um dem Gebot der musikdiabolischen Heilsbringer Folge zu leisten. Denn „HISS“ ist längst mehr geworden, als eine eingefleischte Sekte des guten Tons, eher eine Partei der Bewegungsfetischisten, die dem Programm des Konzert-Kanzlers bedingungslos nacheifert.

Ganz entspannt standen dagegen die Ton-Pistoleros auf der Bühne: Stefan Hiss, dessen Akkordeon das antreibende Thema einpeitschte, "Pauken-Papst" Patch Pacher, der gemeinsam mit dem offiziellen Nachfolger des US-Komikers Marty Feldmann, Volker Schuh das rhythmische Fundament goss, auf dem dann explosive Gitarrenexperimente von Thomas "der Grundgute" Grollmus und die satte Mundharmonika Michael "Diavolo" Roths aufbauen konnten. Fast beiläufig ergossen die fünf Helden übers aufgebrachte Volk, weswegen sie berühmt und durchaus auch berüchtigt sind – „Polka’n’Roll“ ist die außergewöhnliche Devise der Mannen, die mit ihrer persönlichen Version einen eigentlich recht drögen Musikstil bis zum Äußersten angeheizen. Diesem Rhythmus, diesem satten Sound und vor allem den fast schon poetischen Texte konnte sich auch diesmal keiner entziehen.

Wenngleich das Programm fast eine genaue Kopie des 2005er-Auftritts war: Es tat der Stimmung keinerlei Abbruch. Wieder einmal erfreuten sich die HISS-Jünger frenetisch an der „Königin der Schmerzen“, an der „High Noon“-Transkription des perfekten Liebesliedes („So wie Du traf mich noch keine: Zwischen die Augen, zwischen die Beine und mitten ins Herz“) oder am neuen Titelsong der Fleischverarbeitenden Industrie „Who stole the Kishka“.

Gemeinsam feierten HISS und deren Fans eine Nacht der Ausgelassenheit, in der sie dem Leitmotiv aller HISStoriker huldigten: „Tanzen und Sex sind sehr ähnlich, wenn mans richtig macht“.

Neben den abartigen Liebesliedern, denen nie eine überraschende Pointe abgeht und mit denen die Polka-Könige „unseren Beitrag zur neuen Weinerlichkeit, zur Julio-Iglesiasierung dieser Welt“ leisteten – man denke nur an „das hymnischste und elegischste Opus unseres Oevres“, den Gassenhauer „Meine Frau ist fett“ – gab es diesmal auch Lehrstunden der Enthaltsamkeit in wahrer Genusssucht. So huldigte man zunächst der „Versuchung“ mit fast schon poetischen Textzeilen wie „Wenn es trocken ist, dann rauchts, wenn es flüssig ist, dann saufts und wenn es fettig ist, schiebt es euch in den Hals“, um gleich danach mit dem Rezept in Noten „Suppe für den Dichter“ einer viel harmloseren Sucht die Ehre zu erweisen und es auf den Punkt zu bringen: „In der Brühe liegt die Kraft“.


Wie immer war das Konzert der HISS ein eigentlich unerreichbares Gesamtkunstwerk: Fetzige Melodien, mitreißende Rhythmen und die Mischung aus professionellem Größenwahn und fast schon lyrischer Schleimerei von Seiten des Chaos-Conferenciers Hiss – man kommt nicht umhin, erneut lauthals mitzusingen „wo ich spielte kam es stets zu wilden Schwöfen, zu Übergriffen und zur Raserei“, um letztlich festzustellen, „dass keiner so wie ich die Polka spielt“. Wer diese HISS-Nacht im „Pumpwerk“ miterlebte, dem fiel es wie Schuppen aus den geölten Haaren: „Du bist nicht nur Deutschland, Du bist HISS!“