2017
 
 
 

Rezensionen

Editorial
Gästebuch
Archiv
Links
Kontakt

Suchmaschine

 
Weitere Artikel nach
Autor
Weitere Artikel nach
Titel

 

 

Drucken | Kommentar erstellen

_____________________________

Erschienen
Mit dem Pirat der Seelenwogen der Sonne entgegen
12/2006
„Der Placebo, der Puschkin und ich“ – drei verschrobene Typen auf ihrem Weg durch München, Ausschau haltend nach dem Glück, nach dem rechten Augenblick und nach dem nächsten Freibier – also auf der Suche nach sich selbst. Das sind die Hauptfiguren in Andreas Giebels neuestem Programm „Der Sonne entgegen“, das der seit über zwanzig Jahren auf der Bühne stehende Münchner Kabarettist am vergangenen Donnerstag Abend im „Kleinen Saal“ der Stadthalle zelebrierte.

Der schwergewichtige Bajuware, der 1997 mit dem Deutschen Kleinkunstpreis in der Sparte „Kabarett“ ausgezeichnet wurde, geht massiv über die Bühne, er stampft und schnauft und schafft sich Raum im nur spartanisch ausgestatteten Bühnenbild: Alles passt in eine Plastiktüte, die er am Ende auch wieder fein säuberlich zusammenräumt. Umso erstaunlicher ist, dass Giebel zu einem Clochard der Selbsterkenntnis, einem Wanderer der Seele avanciert – mal lustig, mal nachdenklich, mal verschmitzt und mal tieftraurig.

In einem sehr dichten Parcours durch die Abgründe menschlicher Ungereimtheiten entfaltet Giebel in seinen drei Hauptfiguren, einem stets präsenten und doch bisweilen so machtlosen „Alter Ego“, dem intellektuell vor sich hinsäuselnden, menschenverachtenden Puschkin und dem Augentierchen und Looser-Typen Placebo, die ganze Gewalt und Urtümlichkeit menschlichen Seins, die Spannung zwischen dem Wollen und dem Werden, die ausdauernd nervige Konkurrenz zwischen Wunsch und Wirklichkeit.

Das tut er in einer Art und Weise, die konzentrierte Spannung erfordert – was automatisch dazu führt, dass selbst die Kalauer, die Giebel, den man auch als uniformierten Polizisten Xaver Bartl in der TV-Serie „München 7“ sehen kann, ab und an zwischen die sonst so geistreichen Worte streut, nicht dazu führen, dass sich das Publikum schenkelklopfend unter den Tisch lacht: Viel zu groß die Angst, man könnte etwas Wichtiges verpassen, eine der vielen rhetorischen Kunstgriffe, einen der so leichtfüßig daherkommenden schweren Gags.

Eben das ist, was Giebels Erfolg ausmacht: Die Mischung aus Geist und Witz, aus bodenständiger intellektueller Hausmannskost und spritzigem Genius.

So erlebt der Zuschauer den mit Klassiker-Zitaten um sich werfenden Puschkin als genau den Typen, den man gern selbst einmal herauslassen würde: Zum sich aufplusterden Museumswärter hingehen und fragen „Mit welchem Recht reglementieren sie Menschen?“, bis er sich schließlich schamgebeugt in Unterwäsche aus dem Musentempel schleicht. Der ungeschickte Sozialautist Placebo dagegen, der Frauen allenfalls anschauen darf, wenn er keine Katastrophe auslösen will, berührt die ängstliche Seite in uns allen. Und schließlich Giebels „Alter Ego“ selbst, das gleichsam die gesamte Geschichte erzählt, vereint die unterschiedlichen Aspekte menschlichen Daseins in einem einzigen Satz: „Manchmal bin ich taktlos glücklich“.

Es war sicherlich kein Begeisterungssturm, den Andreas Giebel in der Stadthalle auslöste. Dazu taugte zum einen das Programm nicht, das trotz der vielen witzigen Pointen doch weitgehend schweren und bisweilen kaum verdaulichen Stoff bot; vor allem aber ist das Ambiente im „Kleinen Saal“ der Stadthalle für eine Veranstaltung dieser Art so gar nicht zuträglich. Das merkte selbst Giebel an, als er die „Bühne“ betrat und in die lichten Zuschauerreihen sah.


Dennoch: Der Pirat durch unsere Seelenwogen hat Kurs gehalten, er hat aufgepeitschte Wellen und stille Seen durchkreuzt, um letztlich neue Etappen auszumachen. „Aber da fängt die eigentliche Geschichte erst an“.