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Erschienen
Lyambiko schenkt atemberaubenden Abend
12/2006
„Love ... and then“ – fast programmatisch wirkt der Titel der neuesten CD, mit der die „Helena unter den Jazzern“ Lyambiko am vergangenen Freitag im Hockenheimer Kulturzentrum „Pumpwerk“ die Nacht zum hellen Tag machte: Mal als Frage, mal als verlockende Aussicht formuliert, hat sich die vierte, zum zweiten Mal bei Sony Classical erschienene Scheibe, durch das zweieinhalbstündige Programm gezogen.

Natürlich hatte die Ausnahmekünstlerin mit den afrikanischen Wurzeln wieder einmal keine Probleme, den Musentempel nicht nur zu füllen, sondern auch die richtige, angeheizte und gespannte Stimmung einziehen zu lassen. Mit dem Opener „Tale Of The Tuna“ aus der Feder des Pianisten und kongenialen musikalischen Gesprächspartners Marque Lowenthal machte die gefeierte Jazz-Combo bereits das, wofür andere Musiker oft lange brauchen: Sie fesselte, fokussierte alle Spannung auf die Bühne, ließ aufhorchen und bereits so früh ein Verlieren im Klangraum nicht nur zu, sondern erzwang es fast schon.

Wer dennoch aufmerksam bleiben konnte, dem entging nicht, dass sich bezüglich der nach wie vor spartanischen, aber doch bemerkenswerten Bühnendramaturgie einiges getan hat: Die Sängerin und unangefochtene Frontfrau Lyambiko stand bei diesem Auftritt auffallend häufig im Dunklen, war teilweise gar nur aus dem Off zu hören. Kann sein, dass die überschwänglichen Huldigungen der markanten Schönheit der jungen Frau einer Vollblutmusikerin etwas auf die Nerven gefallen sind. Insofern wollen wir es diesmal auch nur ganz kurz abhandeln und nichts darüber schreiben, dass die etwas momohafte Frisur ins Auge fiel, dass ein feines Prickeln durch die Publikumsreihen lief, weil die sonst immer so versteckt-mystisch wirkende Schöne diesmal auch den direkten Draht zum Volk suchte und es wie immer alles in allem ein Rausch der Sinneseindrücke war, die Lyambiko hinterließ. Kein Wort davon!

Im Zentrum standen diesmal – wie schon bei den Konzerten zuvor - nämlich nicht die Frau, sondern die Stimme, die außergewöhnliche Musik und die atemberaubend phantasievollen Improvisationen.

So punktete man mit dynamischen Titeln wie „Give it up“, mit dem Lyambiko eine fast fremde, nasale Stimme zum ekstatischen Klangteppich ihres Pianisten Lowenthal gab, aber auch mit sanft-zerbrechlichen Stücken, die auf blauen Schwingen Zeilen ausgaben wie diese: „I lost, but I trust your peaceful eyes“. Hier konnte die junge Frau mit dem afrikanischen Vater, nach dem sie sich selbst nennt, mit ihrer warmen, bisweilen erdigen Stimme, die in allen Lagen so anschmiegsam und biegbar, aber auch durchzugsstark und feurig sein kann, am besten zeigen, welche emotionale Tiefe in ihr steckt.

Überhaupt ist die Bandbreite, mit der die Combo daherkommt, das ganz große Pfund, mit dem Lyambiko wuchern kann: Ob rassige Samba-Rhythmen oder fein-dunstige Blues-Schwaden, den vier Musikern entströmt stets etwas Mitreißendes. Dazu trägt ohne Frage die Flexibilität Lyambikos bei, sicherlich auch die neuen und abwechslungsreichen Titel des amerikanischen Pianisten Marque Lowenthal. Vor allem aber zeichnet für die Strahlkraft der so unterschiedlichen Stile die homogene und fast symbiotisch wirkende Zusammenstellung der Combo verantwortlich: Der ausgelassene Lowenthal, der so häufig in einen besonders intimen musikalischen Dialog mit der Frontfrau tritt, findet seinen Gegenpart im entspannten, meist unnahbar und distanziert wirkenden Drummer Torsten Zwingenberger, der zwar bisweilen auch zu percussiven Exkursionen neigt, der aber ansonsten einfallsreichen und grundsoliden Beat liefert – und in Verbindung mit dem kroatischen Kontrabassisten Robin Draganic, der seine phantastischen Bassläufe auch mal „nackt“ mit Lyambiko alleine präsentiert, das rhythmische Grundgerüst, auf dem Lowenthal und Lyambiko aufbauen können.

Wobei die neue Platte und dieses Konzert ein deutlicheres Hervortreten gerade der Rhythmusgruppe mit sich brachten: Der brandneue Titel „I’d rather stay in bed“, das Zwingenberger die Gelegenheit zu einem ausgelassenen, fast explosiv wirkenden Solo gab war dafür ebenso Beispiel, wie das schon zum Lyambiko-Klassiker avancierte „Love me or leave me“, das die vier augenzwinkernd, gewitzt und mit unwiderstehlichem Charme gaben.


Am Ende eines atemberaubenden Abends war die Frage beantwortet: „Love ... and then: Lyambiko“.