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Erschienen
Schüchterner Wortakrobat als Anmacher
12/2006
Ein wenig betreten steht ein junger Mann auf der Bühne, dem man sein Alter so gar nicht abnehmen mag. „Ausweiskontrolle!“ schallt es aus dem Mund des bedachten Hockenheimers, der den 32-Jährigen Künstler allenfalls auf 25 schätzt. Und dann macht sich betretenes Schweigen breit. Ist das alles nur Show? Eine sauber einstudierte Masche? Ein Trick vielleicht? Nach rund zwei Stunden Programm lässt Christian Hirdes, der noch vor kurzem unter dem Künstlernamen „Otto Normal“ durch die Lande tingelte, ein rätselndes Publikum zurück: Was will uns dieser kauzige Kerl mit dem Knuffgesicht sagen?

„Anmache“ stand auf dem Plakat, das zum ersten Rennstadt-Gastspiel des Bochumers Christian Hirdes am vergangenen Samstag ins Hockenheimer Kulturzentrum „Pumpwerk“ einlud. Was der nach außen so farblose Ruhrpottler dann abzog, war eine Mischung aus Musik, Kabarett, Poesie und Comedy – oder jedenfalls irgendetwas dazwischen.

Nach stellt Hirdes sich als „Otto Normal“ vor, als der Typ, der im Theater sein Handy anlässt und „beim Koitus die Socken anbehält“ – also einer wie Du und … nun, jedenfalls einer wie Du. So lässt er sich auch den Rest des Abends weder festlegen, noch irritieren. „Wenn man hier aufgetreten ist, geht es steil bergauf“, skizziert er seine Hoffnungen auf die Weltkarriere, die allerdings – die Zuschauerzahlen zeigten es – noch auf sich warten lässt. „Für mich ist das okay“, sagt der Youngster und ist weiter guter Dinge. Das kann er auch getrost sein, fliegen ihm doch zumindest die Genre-Preise reihenweise zu; zuletzt wurde er in diesem Jahr mit dem “Prix Pantheon“ und der „St. Ingebert Pfanne“ ausgezeichnet.

Der erste Teil seines Programms ließ das nur schwer vermuten. Zwar verschoss er mit „Gemischte Tüte zu drei Mark“ gleich zu Beginn einen seiner wirklich bemerkenswert guten Titel, doch danach hangelte Hirdes sich eher leidlich durch die Show, die so gar keine werden wollte. Daran konnte weder die makabre Wendung seines Liedes „Alles nur für Dich“, noch das fast morbide „Urlaubsgedicht“ etwas ändern. Die Hip-Hop-Parodie, in der er sich als „Kochkulturbanause“ und „Biolek-Schreck“ outete, ließ textlich schon einiges erahnen, das Hand und Fuß hat, versandete allerdings in einer ebenso oberflächlichen Nummer, wie das angebliche Lied eines Kollegen „Ein bisher unveröffentlichtes Lied von Reinhard Mey, das seinem Image-Berater zum Opfer fiel“. Gerade hieran lässt sich die Schwäche der Hirdes-Comedy zeigen: Zielsicher und punktgenau imitierte Hirdes den Slang und die Spielart des Berliner Barden, doch blieb er danach in der praktischen Umsetzung einfach stecken. Etwas besser hatte der Bochumer seinen Landsmann Grönemeyer drauf, dem er gleich mehrere Titel entnahm, darunter eine eigene Fassung von „Gib mir mein Herz zurück“, in der er postulierte „ich brauch meine Leber noch“, auch wenn er Organspender sei.

Zwei Highlights bildeten sein Lied „Bitte nicht glücklich“, das in den Vorurteilen über das Künstlerleben wühlte („hör auf, mich einfach so zu retten aus meinem traurigen Künstler-Klischee“) und das Lied „Nichts kriegt man geschenkt im Leben“, in dem er freudig verkündete, dass man doch überall kostenlos „schöne Menschen“ sehen könne.

Im zweiten Programmteil drehte Hirdes dann den Spieß um und, was man ihm kaum zugetraut hätte, deutlich auf: „Völlig verrückt“ machte er sich über die Leute lustig, die aus dem Alltagstrott ausbrechen wollten, und dann doch nicht mehr zustande brächten, als „bei gelb über die Ampel“ zu gehen oder „ohne Tischgebet ein komplettes Butterbrot“ zu sich zu nehmen – Öl ins Feuer einer Gesellschaft, die schon die Katastrophe wittert, wenn einer morgens mit „Elmex“ statt mit „Aronal“ die Beißerchen scheuert.

Ein wenig zu lang aber herrlich komisch seine Vorstellung des Kinderbuchs „Die Kröte Christa“, bei dem leider die Illustrationen noch fehlten und seine Persiflage auf den guten alten Grand Prix.

Der unumstrittene Höhepunkt und sicherlich der beste Gradmesser dafür, was in dem knuffigen Knaben aus dem Pott steckt: Das Gedicht „Lisa und ihre vier chinesischen Freundinnen – Blusenverleih“. In einer kleinen Episode aus dem Leben Lisas und ihrer Freundinnen Li, Si, Tsi und Tsu, die gemeinsam den Textilkauf versuchten, kultivierte Hirdes das Wortspiel nicht nur, sondern trieb es geradezu auf die Spitze und ließ so geniale Sätze aufs nun auch wirklich begeisterte Publikum niederprasseln wie „Die Bluse sagte Tsu zu. Die Bluse, sagte Tsu zu Li, die Bluse ist schön. Schöne Bluse, stimmte Li Tsu zu, und Tsi lieh sie Si.“


Bleibt als Fazit: In Christian Hirdes steckt ein erfolgversprechender Nachwuchscomedian, dem bei wirklich brauchbaren Anlagen allenfalls ein wenig der schliff fehlt: Den Lieder ein Intro und einen Schluss verpasst, auf blödsinnige Parodien verzichtet und noch einen Hauch mehr von diesen genialen Wortakrobatiken – und dann auf jeden Fall wieder ins Pumpwerk, dem Weltruhm entgegen.