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Erschienen
Brüllkomische Melancholie
12/2006
Er war bereits zu Gast bei Harald Schmitt, Stephan Raab und Otfried Fischer, hat seine Geschichte schon im „Quatsch-Comedy-Club“ und bei „7 Tage 7 Köpfe“ erzählt – und doch ist die Vita Stephan Bauers ist noch genau so traurig, wie immer.

Der Mann, dessen Kindheit schon derart belastet war („Als ich das Wort `dysfunktional` im Brockhaus nachgeschlagen habe, war da das Bild meiner Mutter“), dass ein Leben in einer einzigen Katastrophe eigentlich bereits vorprogrammiert war, hat am vergangenen Freitag im Hockenheimer Kulturzentrum „Pumpwerk“ in zwei Stunden sein Leid geklagt – kurzweilig und brüllkomisch: Dabei zeigte der Enddreißiger, der seine kärgliche Jugend – „wenn ich ´n Mädchen gewesen wär, hätt ich früher nichtmal was zum Spielen gehabt“ - in einem kleinen Dorf am Rande der Schwäbischen Alb fristete („Das ist nicht am Arsch der Welt, aber man kann ihn von dort aus ganz gut sehen“), dass er künstlerisch das exakte Gegenteil dessen ist, was er laut seiner Exfrau biografisch und beischlaftechnisch zu sein scheint: Eben doch der „Große Bauer“ statt eines „Fruchtzwergs“.

Jedenfalls hatte der Comedian, der mit einer Agilität daherkam, dass man sich nicht wunderte, warum er schon mehrfach verhaftet worden war – „wegen Herumlungerns“ -, binnen weniger Minuten sein Publikum, das die Platzkapazitäten des Musentempels wieder einmal zu sprengen drohte, fest im Griff. Oder sollte man besser sagen: In tiefer Ergriffenheit. Dafür sprechen jedenfalls die zahlreichen Mitleidsbekundungen, die den gesamten Abend durchzogen.

Kein Wunder: Getrennt („auf Zeit – erstmal für 30 Jahre und dann sehen wir weiter“) von seiner Exfrau („Schatz, stört’s Dich, wenn ich rauche?“ – „Mich störts nicht mal, wenn Du brennst!“), die jetzt wegen seiner schlechten Leistungen beim Vorspiel („Wo befindet sich eigentlich diese sagenumwobene Klitoris? Es ist mir unbegreiflich, wie man auf einem Areal von nur wenigen Quadratmillimetern ständig daneben liegen kann!“) mit einem Rechtsanwalt („Gegen den bin ich der Erwin“)zusammen ist, verfiel Bauer in eine melancholische Agonie, die allenfalls dadurch gebremst werden kann, dass eine neue Frau her muss – aber trotz zahlloser Auftritte mit seinem unermüdlich vorgebrachten Apell „Die Nächste bitte“ hat sich noch nichts passendes gefunden. Dabei stellt Bauer kaum Ansprüche: Es würde doch reichen, wenn die natürliche, intelligente Frau ihm – wie es sich für einen Schützen („in der Astrowelt der absolute Supergau“) gehört – nie widersprechen und dafür ab und zu ein wenig huldigen würde – „ich such eigentlich eine total frustrierte, die alles nimmt. Frauen eben, die sie auf den Ü30-Parties treffen“. Aber in unseren schnelllebigen Tagen zählt die Liebe doch nix mehr – und auf dem Gebiet „Sex“, das so up to date ist, siehts eher mau aus: Selbst in der „Selbsthilfegruppe für Männer mit verfrühter Ejakulation“ war Bauer „der erste“.

Da hilft auch keine Beautyfarm („Nach einem Schlammbad fühlt man sich superjung, sieht aber aus wie Ötzi“) und keine Kosmetikern („Abbeizen, Holzwürmer raus und danach neu lasieren“). Muss man sich eben mit sonstigen Genüssen über Wasser halten: „Wein ist ein tolles Getränk: Sie können so viel davon trinken, wie sie wollen – sie gelten nie als Säufer, sondern als Kenner“ und Lotto „ist der letzte Strohhalm für all diejenigen, die beim kapitalistischen Verteilungskampf die Arschkarte gezogen haben“.

Was Stephan Bauer bringt, sind bei aller vorgetragenen Schwermut leichtfüßige Episoden aus einem ganz normalen Männerleben. Vielleicht sichert das seinen enormen Erfolg beim Publikum, das eigentlich ständig dabei war, frenetisch zu jubeln – wenn es sich nicht gerade die Lachtränen aus den Augen wischen musste: Da ist einer wie Du und ich. Die selben Probleme, die selben Rückschläge und die selben Erklärungen. „Wenn eine Hausfrau keinen Stringtanga trägt, liegt das nicht am fehlenden Sinn für Erotik, sondern daran, dass man den danach nicht zum Putzen nehmen kann“. Wortgewandt und mit einem glaubwürdigen Phlegmatismus plaudert Bauer fast beiläufig seine Katastrophen daher – und findet bei Mann Verständnis und bei Frau Mitleid. Das ganze garniert er mit einer deftigen Prise Sex, die allenfalls sprachlich derb, nie aber ordinär daherkommt, sondern immer über bemerkenswerten Feinsinn verfügt: „Mathematisch kann man sich nur dann ins Knie ficken, wenn man sich irgendwo verrechnet hat!“ Inhaltlich sind es einfache Geschichten, die aber in seiner Darbietung immer intellektuelle Schärfe gewinnen. Und letztlich findet der Mann, der davon überzeugt ist, dass sich mit dem neuen Papst etwas ändert („vertritt ja ähnliche Thesen wie ich“), stets den perfekten Schluss: „Das Leben könnte so schön sein, wenns rückwärts ablaufen würde - man beendet sein Leben als Orgasmus“.



Nach zwei Stunden war das „Pumpwerk“ aus dem Häuschen und wollte Stephan Bauer gar nicht mehr entlassen. So hoffen wir, dass wir uns bald wiedersehen – entweder hier, oder wenn wir Dir nachreisen...

Weiter Informationen im Internet unter www.stephanbauer.de.