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Erschienen
Biblisches "Gib nicht gleich auf" - Maurenbrecher in Hockenheim
01/2007
"Jetzt musst Du tapfer sein, Du wolltest die Millionen, aber auf Deine Art, denn nur die bringt Dich rauf: Gib nicht gleich auf!" Es klang ein wenig, als sei das Lied allein für diesen Abend geschrieben worden, als der Liedermacher und Kabarettist Manfred Maurenbrecher Ende Dezember im Hockenheimer Kulturzentrum „Pumpwerk“ sein Programm "Ende der Nacht: Geile Teile" präsentierte – vor "illustrer kleiner Runde", wie das Berliner Urgestein verschmitzt feststellte.

Es war der dritte Auftritt des Ausnahmekünstlers, der auf den ersten Blick viel zu gewöhnlich, viel zu durchschnittlich und auf keinen Fall stylisch genug aussieht, um im glamourösen Showbiz unserer Tage zu bestehen: Ein Stimme, gegen die Frank Farian wie eine Nachtigall wirkt, halsig, kehlig, nicht eben selten mit enormem Nuschelfaktor und immer tonlos. Tonlos, aber dafür mit unbeschreiblichem Tiefgang: Maurenbrecher zieht den Geist und die Botschaft jederzeit dem Ruhm und dem schönen Schein vor. Entsprechend ist er hoch ausgezeichnet (bereits vor 15 Jahren mit dem Deutschen Kleinkunstpreis und jüngst für seine neueste CD "Ende der Nacht" mit dem Preis der Deutschen Schallplattenkritik), aber natürlich nicht massentauglich. Nicht in einer Zeit, in der die Mehrheit lieber ihr Hirn an der Garderobe abzugeben scheint, um sich über ordinäre Zoten wegzubrüllen. Aber das macht nichts. Nicht ihm und nicht seinen Fans, die "ihren" Maurenbrecher mit aller Vehemenz lieben: Als Liedermacher, der nicht für schönen Gesang, nicht für kuschelige Texte steht, sondern für Menschen da ist, die das Leben selbst in Augenschein nehmen wollen.

Mit seinem Programm "Geile Teile" machte Maurenbrecher, für was er bekannt ist: Was er wollte. Er bescherte seinen Zuhörern im Ansinnen, dem ganzen Weihnachtsstress zu entgehen, einen Abend, dem tatsächlich alle Besinnlichkeit abging, der aber mit seiner allgegenwärtigen Tragik viel erzählte vom Leben und den Menschen.

Da brachte der Berliner eine Kostprobe aus seinen "Lichtenberger Texten" und stellte in seiner Rolle lapidar fest "Ich weiß nicht mehr, was wirklich ist – vielleicht spricht deshalb aus mir die Wahrheit". Ganz unvermittelt und unverblümt hämmerte er dazwischen trotzig seine Kritik an Amerika mit seiner deutschen Übersetzung des Randy-Newman-Klassikers „Sail away“ in die Tasten des Klaviers. Das ist er immer: Unvermittelt und unverblümt. Selbst die Liebeslieder des seit 1989 verheirateten Mittfünfzigers sind immer geprägt von einem tragischen Grundton, für Idylle und heile Welt ist in seinen Texten kein Platz – ein nüchterner Utopist, ein Phantast ohne Träume, einer, in dessen Geschichten immer Traurigkeit einzieht, in der aber aller Schmerz auch etwas Versöhnliches hat. Ein Liebespaar muss da im größten Glück von einem LKW überfahren werden. Tragisch. Auf den ersten Blick. Aber dafür feiert es dann "Für immer Weihnachten" – "wo wir all die kleinen Dinge einmal wirklich machten, an die wir sonst nur immer heimlich dachten".

Dazwischen spendierte er einen für das "Mittwochsfazit", mit dem er in der Hauptstand längst Kult geworden ist, geschriebenen Reißer auf den "Jurassic-Park auf Eis" ("Wir sind das berühmte Gammelfleisch" – "haben Adenauer noch gekannt" und sind "begehrte Zeugen des Jahrhunderts") und ein sehnsuchtsvolles Lied, mit dem er der Konsummaschine Einhalt gebot ("Ich will den guten alten Sonntag").


Manfred Maurenbrecher hat mit seinem Programm fast biblisch gewirkt: In einer kleinen Schar hat er ein Licht entzündet, in dem die ganze Welt hell erstrahlte. Und die Botschaft, kombiniert aus zwei Liedern, hinterlassen: "Am Ende der Nacht wird es doch wieder hell", also "gib nicht gleich auf, Du hast es doch drauf: Gib nicht gleich auf".



Weitere Informationen im Internet auf einer Website, die genau so außergewöhnlich ist, wie der Musiker selbst unter http://www.maurenbrecher.com