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Erschienen
Nicht eben unterkomplex - Frederic Hormuth
02/2007
Es ist eine Zeit der Rückblicke und der Neuanfänge – wie bei jedem Jahreswechsel werden Bilanzen gezogen und Prognosen gewagt. Einen guten Start legte das Programm für 2007 im Hockenheimer Kulturzentrum „Pumpwerk“ zumindest zahlenmäßig hin: Die erste Veranstaltung im neuen Jahr warAnfang Januar voll besetzt, als der Wahl-Heppenheimer Frederic Hormuth in gleichsam postorgiastischer Betrachtung neckisch fragte „Wie war’s für Dich?“ – ein kabarettistischer Jahresrückblick.

„Wir konnten uns 2006 nicht aussuchen, über was wir lachen wollten“, so konstatierte der Mann, der mit seinem letzten Programm „Nett war gestern“ auch in unserer Region für Furore sorgte – und brachte damit ein wenig unfreiwillig gleich auch das Motto des Abends zur Sprache: Es war eine doch eher bemühte, als erfrischende Atmosphäre, in der Künstler und Publikum zueinander standen. Das mag zum einen sicherlich daran gelegen haben, dass Hormuth insgesamt etwas hölzern wirkte und ungewohnt wenig Bühnenpräsenz mitbrachte.

Ohne Frage ist der Hauptgrund für den nur verhaltenen Beifall und die zumeist doch ernsten Minen aber darin zu suchen, dass Hormuth in seiner Jahresrevue schwierige Themen noch schwieriger verarbeitet hat: Renate Künasts Zitat „Das ist mir zu unterkomplex“ könnte glatt als Überschrift des Programms durchgehen.

Denn eigentlich waren Hormuths Gedanken das, was sie immer waren: Feinsinnig, messerscharf, hintergründig und von manchmal verblüffender Brillanz. Mit ihnen sezierte er das Jahr „der kleinen Hunde und großen Koalitionen“ -„eine erfrischende Abwesenheit von Charisma“.

In seinen Plaudereien tanzten sie alle den Cancan vorm Publikum: SPD-Kurzchef Platzeck, dem „zur Rente ab 67“ nichts einfiel außer „Hörsturz mit 52“, sein Nachfolger Kurt Beck als „Mischung aus Berber-Papa und Omar Sharif“, Kanzlerin Angela Merkel, „die Sphinx aus der Uckermark“, und „Stock-im-Arsch-Charismatiker“ und Landesvater Günther Oettinger, der mit seinen Fragebogen für Einwanderer doch nur verhindern wollte, „dass diese Terroristen ihre Flugzeuge noch in der Kehrwoche explodieren lassen“.

Wahre Höhenflüge gelangen Hormuth im Zusammenhang mit der Vogelgrippe, die in Mannheim zuerst aufgetreten sei, weil sie sich „zwischen H5 und N1“ eben ziemlich wohl fühle und in seiner Abrechnung mit rechten Brandstiftern und Neonazis: Hier schlug er geschickt den Bogen zum tragischen Abschuss des Braunbärs „Bruno“ – der habe „gezeigt, wie das ausgeht, wenn du in Deutschland einwanderst und die anderen meinen, dass du nicht in die Landschaft passt“.

Problematisch an Frederic Hormuths Programm waren letztlich nicht die Gedanken, die er sich machte, sondern die Präsenz der behandelten Materie, die nicht mehr uneingeschränkt vorausgesetzt werden durfte. Ein Spruch wie „Wegen Haarproblemen kann Eva nicht am Denken teilnehmen“ ist brüllkomisch; aber nur,wenn man Eva Hermans Buch und die darin wiedergekäute kognitive Diarrhoe kennt. Aber seien wir ehrlich: Wem ist „Das Eva-Prinzip“ heute noch wirklich gegenwärtig, weil wichtig.

Insofern zündeten vorrangig die Witze, die sich entweder allgemein hielten, oder die Themen behandelten, die großen Erinnerungswert hatten: Dass bei der Fußball-WM Bundestrainer Klinsmann zum Held avancierte („wie er das alles weggesteckt hat, wie er das alles ausgehalten hat – diese Umarmungen von der Merkel“), Ex-Außenminister Joschka Fischer als Gastdozent an der Princeton University unterrichtet („Unter den Talaren, die Spontis von vor Jahren“) und das Elterngeld sich als „Besserverdienerzuchtprämie“ erweist, landete beim Publikum ebenso wie Hormuths glasklare Schlussfolgerung „Die Deutschen sind die Weltmeister im Mülltrennen – so funktioniert auch unser Bildungssystem“.

Die größten Ankommer – und das ließ sich schon beim letzten Programm feststellen – waren aber die Lieder, die Hormuth leider in viel zu geringer Zahl im Gepäck hatte. Da postuliert er, er habe „genug vom kleinsten Nenner, dem Konsens und dem ganzen Schmus“ und hackte ins Klavier lieber den „Pragmatismus-Blues“, nur um wenig später melancholisch „Wenn ich doch nur rauchen könnte“ hinzuhauchen. Hormuths Lieder waren die unangefochtenen Höhepunkte seines Jahresrückblicks und sie machen durchaus Appetit auf ein weiteres, diesmal vielleicht lieber wieder thematisches Programm mit möglichst viel Musik.


Insofern war der Jahresrückblick das, was nach Hormuths Ansicht auch die Gesundheitsreform ist: Ein billiges Ikea-Regal - „muss nur so lange halten, bis man sich was Ordentliches leisten kann.“



Weitere Informationen im Internet unter http://www.frederic-hormuth.de