2017
 
 
 

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Alice Thompson
Erschienen
Justine
06/1999
Malik Verlag, München
157 Seiten
Die Einrichtung meiner Wohnung verrät alles über mich. So beginnt der Erzähler mit der Beschreibung seiner Räume, und der Einblick, den er uns damit in seine Seele gewährt, hilft uns, die Geschichte seiner Leidenschaft besser zu verstehen. Der Erzähler, ein beinahe makellos schöner Mann - makellos, hätte er nicht einen mißgebildeten Fuß - sieht auf der Beerdigung seiner Mutter eine atemberaubend schöne Frau, die er kurz darauf in der National Gallery wiedertrifft. Seit der ersten Begegnung steht für ihn fest, daß er dieses Wesen um jeden Preis für sich gewinne muß: Es scheint fast unmöglich, dir die Intensität meiner Sehnsucht zu erklären, aber darum geht es in der Geschichte von Justine. Die Geschichte ist Niederschrift meines Begehrens... Es stellt sich allerdings heraus, daß es sich bei der schönen Unbekannten um zwei völlig gegensätzliche Zwillingsschwestern handelt: die unnahbare, kalte, perfekte Justine, Objekt der Begierde für den Erzähler, und die nur allzu menschliche, schwache, gefühlsbetonte Juliette, mit deren Hilfe der rettungslos Verliebte ihre Schwester zu gewinnen hofft. Von nun an werden die Ereignisse immer abstruser und vermischen sich mehr und mehr mit Traumszenen: Justine wird entführt und um sie zu retten, muß der Erzähler ihren Liebhaber Jack ermorden. Am Ende stellt er entsetzt fest, daß er nur Akteur in der Geschichte einer anderen war, daß in Wirklichkeit er nicht dirigierte sondern sich bereits rettungslos in seine Phantasien verstrickt hatte, nicht mehr rational handelte sondern sich selbst täuschte. Er beginnt,die eigentliche Frage zu stellen: Wer bist du?

Liebe, Haß, Besessenheit, Schönheit und Tod, um diese Schlagworte kreist der Roman in immer verschlungeneren und undurchschaubareren Handlungsepisoden. Der Erzähler folgt zwar streng der chronologischen Handlungsfolge, aber das ist auch der einzige Halt, den er dem verwirrten Leser in den aberwitzigen Verstrickungen gönnt. Wie bei Kafka entzieht sich die Geschichte jedesmal dann, wenn man glaubte, einen Ansatzpunkt gefunden zu haben und nimmt eine weitere absurde Wendung. Wie bei Auster entwickeln sich aus dem mehr oder weniger eintönigen, vertrauten Alltagsleben plötzlich wahnwitzige Situationen, es beginnt eine große Sinnsuche, der Held wird zum besessenen Verfolger eines unerreichbaren Zieles.


Keine leichte Lektüre, und die schonungslose, brutale Art, mit der die Autorin die Unzulänglichkeiten und Abhängigkeiten ihres Erzählers aufdeckt, schockiert. Ein Buch, an dem jeder Psychoanalytiker seine Freude haben würde, eine Buch, das den Leser fordert, ein Buch, das wehtut. Ein nicht nur sprachlich faszinierender Roman, der den Leser allerdings genauso hilflos zurückläßt wie seinen Helden.