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Erschienen
"Bescht oph Sonntag" wohltuend unverschämt
04/2007
Seit er 1989 mit seinem ersten Programm "Kein Volk, ein Teig, ein Rührer" die Bretter, die zumindest dem Kabarett-Künstler die Welt bedeuten, erklommen hat, ist er aus dem Kleinkunst-Milieu im "Ländle" und weit darüber hinaus nicht mehr wegzudenken: Christoph Sonntag ist ein Bühnenstürmer, dessen undressierte Direktheit das "Wort vom Sonntag" zu einem Markenzeichen ganz neuer Güte gemacht hat – unverschämt, unverkrampft und vor allem politisch völlig unkorrekt widmete er sich in inzwischen sechs Solo-Programmen den großen und kleinen Themen der Menschheit - vor allem der schwäbischen. Er kommentierte die Weltpolitik und die kleinen Schwächen seiner Mitmenschen und versammelte seine Fangemeinde unter dem Banner seines zweiten Abendfüllers "Gemein sind wir stark".

Die gesammelten Angriffe auf den guten Geschmack, auf Trübseligkeit und Missmut hat er berechtigterweise in eine Highlight-Show zusammengefasst. Aber "Bescht oph Sonntag" ist beileibe keine starre Sammlung der beliebtesten Gags der vergangenen zwanzig Jahre: Seit der in Waiblingen geborene Ur-Schwabe sein Granaten-Arsenal 1998 zusammenstellte, hat es sich jährlich weiterentwickelt.

Auch in der Rennstadt hat er am vergangenen Samstag seine Anhänger wieder einmal versammelt. Nachdem Ende 2005 zum letzten Mal "Das Wort vom Sonntag" über die "Pumpwerk"-Bühne gewabert war, gab es für die Hockenheimer Fans nun die Sammlung der besten Raritäten.

Dabei streute der Kabarettist, der eigentlich einmal eine ernsthafte Laufbahn als Landschaftsplaner und Journalist eingeschlagen hatte, immer wieder tagesaktuelle Seitenhiebe ein: Den "politischen Aschermittwoch" der Bayern-CSU erklärte er für dieses Jahr kurzerhand zum "Requiem", den Aufstieg der Gattin des ehemaligen US-Präsidentin kommentierte er mit einer Aufreihung der "drei mächtigsten Frauen in der Weltpolitik: Angela Merkel, Hillary Clinton und Tony Blair". Daneben gab es – Ehre, wem Ehre gebührt – natürlich auch eine gehörige Portion Lokalkolorit. So prognostizierte der vor allem aus dem Radio bekannte schwäbische Ausnahme-Künstler vor vollem Haus die Klimakatastrophe, in deren Verlauf man "aus den Fenstern in Hockenheim Hochseeangeln" könne und "die fünf neuen Länder sind auch weg – Des dud oim arg leid!"

Neben den ungemein frechen, dadurch aber auch besonders wohltuenden Anschlägen auf den guten Geschmack – Christoph Sonntag sagt, was alle anderen nur zu denken wagen – ist es seine ständig propagierte Liebe zum "Ländle" und dessen Sprache, die den Künstler auf der Bühne so interessant macht. Immer wieder streute er tiefsinnige und erstaunlich geistreiche Wortspiele in seine als verbale Dauersalve aufs Publikum abgegebene Show, in der dem Zuhörer keine Sekunde Pause gegönnt wurde: Hatch-Fonds hätten nichts mit dem englischen Wort für Heuschrecke zu tun, wie man vielleicht vermuten könnte, sondern seien eine urschwäbische Erfindung: "Hättsch Dei Geld net in de Hatch-Fonds, dann hättschs no!"

Dazwischen beleidigte er so ziemlich alles, was Landes- und Bundesregierung an Personal aufgestellt haben: Landesvater Günther Oettinger wird als "Sizilianischer Latin-Lover und Sprecher vom Tübinger Schnellschwätzer-Haschplerverein" geoutet, sein Vorgänger Erwin Teufel sei laut Reinkarnationstheorie "im letschte Lebe ein Kamilleteebeutl" gewesen.

In dieser unnachahmlich schonungslosen Art und Weise schrammte er mit sehr geschickt eingefädelten Witzen alle Themen der Zeit, wobei er gerne mehrere Problemfelder in Relation zueinander setzte: Deshalb hätten wir nicht nur dumme Kinder (siehe Pisa-Studie), sondern auch immer weniger Kinder (demographischer Wandel). Die wären dafür aber immer dicker (Zunahme der Zahl adipöser Kinder und Jugendlicher) – "die Gesamtkindermasse bleibt gleich!"

Nur so kann sich der geneigte Zuhörer erklären, warum nach einem Sonntag-Abend stets der Kopf schwirrt: Dort drehen sich der "Ratze-Fummel-Test", mit dem Papst Benedikt homosexuelle Priester aussortieren will, die Autoklorollnhäkelmütze als "Symbol für radikales Sonntagsfahren auch unter der Woche" und die Redundanz, erklärt am Zusammenhang zwischen Atomkraftwerk und "Moschtfässle" wild durcheinander, dazwischen tauchen rasch Klaus Wowereit als "regierender Insolvenzverwalter" und die leistungsbezogene Bezahlung im Öffentlichen Dienst ("Des isch doch gemein! Von was solle die Leut lebe?") auf, nur um sofort in dem Satz zu versinken, der wie das Grundgesetz über der sonntäglichen Geistes-Prozession zu schweben scheint: "Da hab isch mir denkt, des kannsch net bringe – aber Euch gfällts!"


Tosender Applaus für rund zwei Stunden intensivster Debatte mit dem Publikum, die auch über die schwachen Passagen im "Spätzleshuttle" oder der durchaus sozialkritischen aber langatmigen Schreibmaschinen-Nummer hinwegtröstete, zwang dann zu einer Zugabe, die unterstrich, warum es selbst in modernen Zeiten, in denen fast alles aus der Konserve kommt, Liveauftritte geben muss: Mit einem saftigen Tiefschlag gegen Ex-Minister Mayer-Vorfelder verabschiedete sich Christoph Sonntag unter Johlen seines Publikums und mit der Erkenntnis "Sowas könntsch im Radio net brenga!"



Weitere Informationen im Internet unter http://www.sonntag.tv.