2017
 
 
 

Rezensionen

Editorial
Gästebuch
Archiv
Links
Kontakt

Suchmaschine

 
Weitere Artikel nach
Autor
Weitere Artikel nach
Titel

 

 

Drucken | Kommentar erstellen

_____________________________

Warren Ellis / J.H. Williams III
Erschienen
Desolatin Jones
05/2007
Panini Verlags GmbH, Nettetal
144 Seiten / € 16,95
Klasse! Dieser Comic ist ganz großes Krimi-Kino mit phantastischen Elementen. Keine Mörder-Gimmicks (vielen Dank an das Yps für dieses Wort) wie bei James Bond, sondern hier gibt es einen Überlebenden eines verrückten chirurgischen Experimentes. Hörst sich nach deutscher Vergangenheitsbewältigung oder einer Hommage an „V For Vendetta“ an, ist aber hier in einen astreinen Agenten-Thriller verwoben. LA ist der Hausarrest für ausgediente besondere Einsatzkräfte à la „The Prisoner“. Mr. Jones ist ebenso wie der namenlose Held der erwähnten Fernsehserie eher der vom System ausgespuckte Skeptiker als ein die Sonne liebender Amerikaner mit Schönheitswahn. Seine früheren Auftraggeber haben ihn vor seiner Pensionierung ein Jahr lang bei Bewusstsein gehalten und ihm zur Abhärtung ständig gefoltert. Netter Bonus zum Betriebsaustritt. Nun sitz der Engländer in LA und übernimmt hin und wieder Detektiv-Jobs, aber nur, wenn es um Zwangsinsassen des Sonnenschein-Knasts wie ihn selber geht.

Und weil dies eine sehr düstere Geschichte ist, wird es auf den kommenden 100+ Seiten so manchen Verrat und so manche Träne geben. Da wäre Emily, ihr wurde eine Extraportion Sexuallockstoffproduziernder Drüsen verpasst. Sollte ihr helfen, die Männer leichter zu verführen. Hat leider nicht so geklappt und nun muss jeder kotzten, wenn er ihr auf Riechweite nahe kommt. Nur Jones hat schon so viel ertragen, da macht die Überdosis Perhormone auch nichts mehr aus und es wird so richtig romantisch - so romantisch, wie diese Geschichte werden kann.

Irgendwie soll es auch um Hitlers private Sex-Videos gehen - netter Gag und nicht der einzig. Sex und Gewalt spielen hier eine sehr eng verwobene Rolle und der erste Tote kommt nicht mehr aus seinem blutigen SM-Kostümchen raus. Natürlich ist die Idee mit Adolfs gefilmten Ständer nur eine Tarnung, und Jones ist nicht der Einzige, dem die schon erwähnten Vertrauensbrüche keine Freudentränen in die Äuglein treiben werden.

Das Ende kommt abrupt und will einfach nicht passen. Nach ein paar Gedanken, einem zweiten Lesen und dann wieder ein paar Gedanken passt es dann doch - vielleicht. Aber wer will schon sagen, wie sich jemand nach einem Jahr Folter und ohne Schlaf folgerichtig verhalten soll?

Desolation Jones ist hammerhart, intelligent und zeigt mehr Inhalt, als man ihm auf den ersten Blick ansieht. Die Seitengestaltung ist interessant: So gibt es viele Doppelseiten, auf denen sich die Panelreihen über beide Seiten erstrecken. Das ist jeweils durch einen einführenden und überbreiten Panel gekennzeichnet. Die einleitende Seite verrät die Absicht des Autors, mit bekannten Stilmitteln zu spielen. Hier ist eine klassische 2 x 3 Panelaufteilung wie durch einen Drogenrausch verzerrt. Nicht der letzte Griff in die grafische Trickkiste. Immer wieder werden unterschiedlichste Zeichenstile benutzt, um unterschiedliche Aktionen zu akzentuieren.


Wow - grafisch und auch von der Story her abwechslungsreich, voll von abgedrehtem Witz, zynisch und bewegend, düster und dennoch in Farbe, böse ohne zu große Lust an der Gewalt zu zeigen und vor allem ohne intellektuelles Schielen auf eine gesellschaftskritische Aussage, die im amerikanischen Mainstream-Comic meist verflicht, flach ausfällt. Fazit: besonders.