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Erschienen
"Nacht der Lieder" – unschlagbarer Zauber wie eh und je
06/2007
Eine lang gehegte Tradition hat einen neuen Wegstein bekommen: Joana hat sich Anfang Mai wieder Gäste eingeladen und das Kulturzentrum "Pumpwerk" zur "guten Stube" der Rennstadt gemacht, wo einmal mehr die "Nacht der Lieder" ihren ganz eigenen, unschlagbaren Zauber entfalten konnte.

Neben ihrem eigenen musikalischen Schatten Adax Dörsam hatte die eigentlich aus dem Schwarzwald stammende, aber schon in der Kindheit in "unserer Geegend" heimisch gewordene Joana diesmal eine nostalgisch anmutende alte Bekanntschaft aus den Anfängen der gegenwärtigen deutschen Liedermacherszene dabei: Der "bärtigere" Teil des ehemaligen Duos "Schobert und Black", die in den 60er und 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts zusammen mit Reinhard Mey, Hannes Wader und Hanns Dieter Hüsch auftraten, hat sich nach Jahren der Zurückgezogenheit nach dem Tod seines Duo-Partners Wolfgang "Schobert" Schulz 1992 wieder auf die Bühnen der Welt aufgemacht, wo er vor allem mit Liedern seines Freundes Pit Klein, den die meisten Menschen zumindest stimmlich vom Radio als SWR-Moderator kennen, punkten konnte; fast anachronistisch hält der inzwischen völlig weiß gewordene "Black" Lothar Lechleiter an den Utopien und auch den Liedern alter Zeiten fest, kämpft immer noch für das Recht des Schwächeren und gegen die Dummheit der Gesellschaft – mit neuen Texten aber doch den gleichen Themen wie dereinst. So sieht er im "Wimpel-Schwarz-Rot-Gold" im Falle eines Falles nur einen "Patriotenfurz" der "Sauerkrautgermanen", gibt mit Klein zusammen, der tatsächlich nicht singen kann, Bellmanns "Nota bene" in einer Fritz-Graßhoff-in Kölsch-Version und widmet Landesvater Günther Oettinger für seine Filbinger-Rede einen eigenen Platz auf dem "Kleinen großdeutschen Nationalfriedhof". Mit warmer, natürlicher Stimme plauderte, erzählte, schwadronierte, philosophierte Black sich durch seinen etwa einstündigen Programmbeitrag, patinaschwer die altertümlich holprigen Lieder, in denen der Text noch im Zentrum steht und die Musik, so zart die Töne und frech-fröhlichen Melodien die Worte auch umschmeicheln, allenfalls als Vehikel dient. Time-Warp in die Vergangenheit.

Mit musikalischer Omnipräsenz glänzte diesmal Adax Dörsam: Ob als ständiger Begleiter für Joana, als Ad-hoc-Partner für Black oder als auftrumpfender "Gegenspieler" mit den eigenen Brüdern im "trio3d" – der Mannheimer Saitenspezialist, der schon mit Lou Bega, Clemens Bittlinger und Rolf Zuckowski zusammen musizierte, überzeugte nicht nur, sondern eroberte mit seiner schlitzohrig-unverbrauchten Art sein Publikum im Fluge. So konnte er zusammen mit seinem Bruder Matthias, einem begnadeten Saxophonisten, der seit 2002 unter anderem bei den "Rodgau Monotones", aber auch in der HR-Bigband bläst, auch in "Rumpfbesetzung" des "trio3d" glänzen: Gewitzt und unkonventionell zerpflücken die eigentlich drei Vollblut-Musiker (Bruder und Fagottist Franz-Jürgen war leider nicht gekommen) Bekanntes und Unbekanntes und zimmern sich aus den Versatzstücken ungeniert ihr eigenes musikalisches Seifenkistchen – rasend schnell, super stylisch und vor allem mit größtmöglichem Spaß-Faktor. So funktionierten Bruder Adalbert und Bruder Matthias einen vor allem in Fußgängerzonen vielgehörten Anden-Hit am Charango, einem aus Tierkörpern gebauten bolivianischen Zupfinstrument, kurzerhand zur Hymne für den bayrisch-italienischen Bären Bruno um: "Chanrango und der Bär". Kongenial ergänzten sich die beiden Ds als phantasievolle, kraftstrotzende Angreifer gegen den musikalischen Traditionalismus – frech wie Oskar nutzten sie ihr virtuoses Können, um Musik mit einem breiten Grinsen zu machen.

Auch die Gastgeberin selbst hatte natürlich wieder etwas Neues dabei: Zwei "Welturaufführungen" wollte sie an ihrem Testpublikum probieren, denn "wenn die neuen Lieder die Feuertaufe Hockenheim bestanden haben, kann ich auch in die große weite Welt damit!"

Und sie kann: Sowohl ihre Übertragung des amüsanten Couplets "Der Überzieher" des Anfang des 20. Jahrhunderts wirkenden Komikers Otto Reutter in "unser schääni Schprooch", als auch das ebenfalls in die hiesige Mundart übertragene Lied "Am Ende der Nacht" des Berliner Liedermachers Manfred Maurenbrecher lösten stürmischen Beifall und heiteres Lachen aus. Kein Wunder, knüpfte Joana damit doch an einen ihrer größten Allzeit-Erfolge, "De Hildegard ihr Yuccapalm" an, in dem sie einen eigenen Titel ("Der Gummibaum von Ursula") ins "Kupälzische" übersetzte: Warm und weich, schlitzohrig und charmant, energisch und engagiert präsentierte Joana sich ihrem Publikum – so wie eh und je.


Allen vier Künstlern steht also einmal mehr die große weite Welt offen – doch der frenetische Applaus am Ende dieser "Nacht der Lieder" stellte einmal mehr unter Beweis, dass es den Hockenheimern noch wichtiger ist, dass alle wieder ins "Pumpwerk" kommen!