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Erschienen
Schwäbische a-capella feiert Feste
06/2007
Den „Heiligen Kampf“ hatten sie „dem schnöden Gebell“ angesagt und ihre Truppen entsprechend stark aufgestellt: Der „Chor der Mönche“ hatte zwar selbst schon ausreichende Schärfe, wurde aber dennoch flankiert von „Pepper & Salt“ – gemeinsam schuf man die Flanke, aus der dann das „Felchenterzett“ einer Speerspitze gleich mitten ins Herz der sich längst ergebenden Zuhörer den entscheidenden Streich setzte. Was klingt, wie ein Kriegsschauplatz im Kampf der Kulturen war das „4. Schwäbische A-capella-Festival“, das am vergangenen Freitag Abend in der Hockenheimer Stadthalle Hof hielt: Drei gesangsgewandte Formationen warben um die Gust der bedauerlich wenigen Zuhörer, weshalb die Veranstaltung kurzerhand in den „Kleinen Saal“ verfrachtet wurde, wo die Akustik bei den zumeist unverstärkten Beiträgen deutlich zu wünschen übrig ließ. Macht nix, denn die Stimmung kochte sich dafür zusehends hoch – und das zu recht: Was die insgesamt zwei Sängerinnen und zehn Sänger da auf die Bühne brachten, war eine gut durchwachsene Mischung aus exzellenter Gesangskunst, hervorragender technischer Präzision, mitreißendem Rhythmus und vor allem einer deftigen Portion Humor.

Den Boden bereiteten dafür der vierstimmige „Chor der Mönche“: Die aus Tübingen und Mössingen stammenden Jungs um den stimmlich ganz besonders herausragenden Countertenor Wolfgang Vogt gaben zwar zunächst eine lateinisch verfasste Visitenkarte ab, widmeten sich dann aber einem weltlichen, manchmal fast schon allzu weltlichen Repertoire hin: So gaben sie als Beispiel für ihre wirklich brillante und ausgesprochen homogene Klangfülle das bekannte „Ännchen von Tharau“, danach zerrten sie die beliebte „Schicksalsmelodie“ in die Lederhosen-Fraktion und strapazierten mit einem „Schicksals-Jodler“ so manches Zwerchfell. Absolute Stimmungsgaranten und beeindruckende Beweise für den gewaltigen Humor und Sprachwitz der „Mönche“: Eine ureigene musikalische Theorie über die „tiefsten Tiefen der schwäbischen Stammesgeschichte“ – „Der Hulamann will die fesche Ula han“ – und die rhythmisch und akzentual hochbrisante Fahrt mit dem Zug von Reutlingen nach Cannstadt. Frenetischer Jubel bereits nach dem ersten Programmblock.

Etwas moderner, einen Hauch von Swing verarbeitend und als einzige Formation verstärkt: Die fünf Stimmen von „Pepper & Salt“ – darunter die beiden einzigen Frauen des abends, die dafür auch besonders klangreich herausstechende Parts übernahmen – bieten eine Mischung aus Klappstuhl-Percussion, swingy Vokalartistik und liedhaftem Gesangs-Plauderton. Bisweilen etwas zu langatmig die Überleitungen zwischen den Stücken, wenngleich man mit dem „Baumarkt“ dabei auch einen Coup landen konnte („Gibts Gips? Gips gibts koin!“). Dafür teilweise wirklich gewitzt die musikalischen Ausflüge in ungeahnte Dimensionen: Aus einem lapidaren „Jo, hajo! – Noi, hanoi“ wurde durch die Interpretation der Fünf ein japanisches Glanzstück.

Alles in allem aber konnten die Youngsters dem Höhepunkt des rund dreistündigen Abends nicht das Wasser reichen: Mit einer auf den ersten Blick so subtilen, in Wirklichkeit aber ausgefeilten Performance der Effektlosigkeit heizten Werner Michelangeli, Josef Widmann und Felix Locher als „Felchenterzett“ ein. Das Dreigespann aus der Bodensee-Region gab einen tiefen Einblick in „Oberschwaben, das Land der Extreme“ und machte dadurch einmal mehr klar, das „Ekschtase“ viele Gesichter haben kann.

Das völlig begeisterte Publikum wickelten sie mit Bauernschläue, einer eifrigen Selbstironie und genialem Wortwitz um den Finger: Da zeigten sie mit dem Treffen eines „Bayerle und des Bäuerle Scheuerle auf’em Mäuerle mit’em Mayerle beim Reiere“, wie schnell doch so eine Freundschaft zwischen einem Bayern und einem Bauern „wenn ‘d Mayerle bricht, bricht“. Oder widmeten Harry Belafontes legendären „Banana Boat Song“ dem „Team Oranje“ vom Bauhof – „I kehr, Du kehrsch, mir g’here zamme!“ – oder drehten den gerade erst wieder von Robby Williams neu aufgelegten Sinatra-Klassiker „Somethin’ Stupid“ um, bloß um festzustellen: „Du kaasch mi!“

Als die drei Meister vom „Flechenterzett“ schließlich in einer Art „Temperamentsausbruch“ den rabiaten Zungenbrecher „I hons Schpätzlesbsteck z’spät bstellt“ auf ihr Publikum niederpeitschten, war ihnen der Preis des „Publikumslieblings“ längst sicher: Da sind drei Männer wie Du und ich, ganz natürlich, ganz ohne jede Show und ohne alle Allüren wirken sie ganz einfach und aus sich selbst heraus - herrlich!


Kein Wunder also, dass das frenetisch applaudierende Publikum von den glücklicherweise gegen alle Event-Manager beratungsresistenten Urgesteinen eine um die andere Zugabe forderte. Begeisterung pur für den zweit unbeliebtesten Dialekt der Deutschen: „Hättet ihr des denkt?! – Mir it!“



Weitere Informationen im Internet unter www.chordermoenche.de, www.peppersalt.deund www.felchenterzett.de.