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Erschienen
Rainer Erler - Kultfilme
10/2007
EuroVideo Bildprogramm GmbH, Ismaning
7 Filme auf 6 DVDs / ca. € 65,00
Rainer Erler, dem Fantastik-Fan ist dieser Name ein Begriff. „Fleisch“, „Die Delegation“, die Reihe „Das Blaue Palais“ und vor allem „Operation Ganymed“ sind Klassiker des deutschen fantastischen Fernsehfilms. Dabei ist Erler nie so richtig unterhaltend. Obwohl seine Zeit in den 70ern war, legt er auf irgendwie spürbar deutsche Weise einen im erhoben zu sein scheinenden Zeigefinger und legt ihn auf auch 30 Jahre später immer noch schmerzhafte Punkte in unserem alltäglichen Leben.

Science Fiction oder besser das fantastische Genre betrachtet nicht als Bilderbuch voller bunter Raumschiffe, sondern als leicht verzerrenden Spiegel, der durch etwas ungewöhnliche Umstände existierende Probleme aufzeigt. So ist es verständlich, das Erlers Filme keine Gassenhauer sind. Seit Ende 2005 sind zumindest sechs seiner Filme in der „Rainer Erler Kultfilme“ DVD Box erhältlich.

Zuerst die biterste Pille: die Serie „Das Blaue Palais“ ist hier nicht enthalten. Ein wirklich tiefer Schlag für den Fantasik-Fan. Aber vielleicht bringt EuroVideo die ja in einer separaten Box – man darf ja noch träumen dürfen. „Die Delegation“ ist der älteste Film der Box. 1970 erzählte Erler von der Suche eines fast besessenen Reporters nach Außerirdischen in Amerika. In der Form eines filmischen Nachrufs werden in inszeniertem Realismus die letzten Filme Willi Roczinskis von seinem ehemligen Fernsehchefs präsentiert. Das schafft eine fast unangenehme Authentizität. Damals wirkte die technische Ausstattung des Reporters sicherlich nicht so antiquiert wie heute, aber alte Autos, alte Kleidung und das alte Thema UFOs – das passt zusammen. Technische Tricks sucht man vergebens, Erler erzählt einfach und dennoch ergreifend, wenn man sich heute den Kopf von den Star Wars CGI-Special-Effects frei machen kann. Bild und Ton sind den alten VHS-Kassetten überlegen, eine Überarbeitung des Materials hat scheinbar nicht stattgefunden. Das Bild wirkt nicht nur bei diesem Film der Box unruhig, der Ton ist nicht immer lippensynchron. Hier muss man Abstriche machen.

Die menschlichen Abgründe sind auch Erlers Thema in seinem nächsten Film „Die letzten Ferien“. Für den SF-Fan eher uninteressant wird hier eine eher normale Geschichte rund um Geldgier und Unmenschlichkeit erzählt.

1977 kam dann „Operation Ganymed“ ins deutsche Fernsehen. Wieder steht der Mensch im Mittelpunkt der Geschichte. Der Kontakt zu den drei Raumschiffen der ersten Marsexpedition geht schon auf dem Weg zum Mars verloren. Nur ein Schiff kann seien Auftrag ausführen und kehrt viereinhalb Jahre später zur Erde zurück. Doch die Astronauten bekommen keinen Kontakt zur Bodenstation und muss so ohne Hilfe im Niemandsland notlanden. Hier beginnt für die überlebenden Raumfahrer ein Nerven zermürbender Marsch auf der Suche nach der rettenden Zivilisation. Während der ein Jahr später in die Kinos kommende „Unternehmen Capricorn“ ebenfalls Astronauten zu Fuß in der Einöde zeigt, klagt Erlener in seinem Film nicht die Regierung, sondern den Menschen an sich an. Was tut der Mensch, um zu überleben und wie definiert sich in solch einer Situation „Menschlichkeit“? Auch dieser Film zwingt den Zuschauer, Unterhaltung ist was Anderes, aber dieser Film hat eine Generation deutscher SF-Fans geprägt und setzte ein Gegengewicht zum im selben Jahr in die Kinos gekommenen Kultfilm „Star Wars“, der eigentlich inhaltslos das Popcorn-Kino mit Raumschiffen neu definierte.

Ein Jahr später füllt Erler seine Erzählstruktur aus „Die Delegation“ mit einem neuen Thema: „Plutonium“. Hier wird Erler schärfer in seiner Kritik an Medien, Industrie und Regierung. In einem Banabanstaat wird aus einem Atomreaktor Plutonium gestohlen. Die gefährliche Arbeit einer amerikanischen Reporterin zwischen Terroristen, Freiheitskämpfern und globalen wirtschaftlichen Interessen ist zu nah an der Realität, um fantastisch zu sein, aber hier sieht Erler wohl sein neues Betätigungsfeld.

Die um ihr Leben rennende Jutta Speidel aus dem Film „Fleisch“ kennt wohl jeder leicht betagte Fernseh-Fan. Wenn heute in den Nachrichten von ausgeweideten Kinderleichnamen in Brasilien berichtet wird, kommt einem unwillkürlich dieses Bild wieder in den Sinn. Spannend und leichte Schmerzen in der Leber-/Nierengegend sind nicht ungewöhnlich.

So richtig gemein wird es in der Werbe-Satire „Der Spot oder fast eine Karriere“. Wie aus dem Leben der Marketing-Maschinerie gerissen erlebt ein Praktikant die raue Wirklichkeit des Werbe-Lebens. Einfach nur böse kratzt der Film durch seine Übertreibung an den Nerven und lässt die freundlich lächelnde Nacktheit aus der nächsten Werbeeinblendung irgendwie anders wirken.

„Das schöne Ende dieser Welt“ greift ein hierzulande immer noch unbekanntes Problem Australiens auf. Umweltvernichtende Industrien verlagerten Ende des 20. Jahrhunderts ihre Produktionsstätten in das am Aufschwung interessierte Australien. An dieser Wirtschaftspolitik leidet das Land Downunder auch heute noch. Ein Skandal, der es irgendwie nie so richtig in die Medien geschafft hat – außer bei Erler. Götz George darf hier mal ein echter Mensch sein, ohne Macho Image mit Tränenzwang – schon alleine deswegen ein guter Film.

Ein ganze Menge Filme mit Inhalt, nicht immer leicht zu konsumieren, mit eigentlich DVD unwürdiger Technik (das hatten wir schon beim Kult „Dark Star“) - dennoch ein tolles Stück deutschem nicht nur fantastischem Films.


Irgendwie ein Muss. Wir warten auf „Das Blaue Palais“.