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Erschienen
Altherren-Quartett aus kraftstrotzenden Kerlen - Guru Guru in Hockenheim
12/2007
Es war ein Zeitsprung in die Vergangenheit und gleichzeitig ein unbeschreibbar packendes Destillat aus der Gegenwart, was die vier Jungs der Kultband „Guru Guru“ Anfang November im Hockenheimer Kulturzentrum „Pumpwerk“ abzogen: Ein Altherren-Quartett, das mit seiner Kraft und seinem Ausdruck manchen Jungen beschämt hat, heizte den Rennstädtern ein mit einer Mischung irgendwo zwischen Krautrock und Worldmusic.

Einst schrieb „Guru Guru“ Kulturgeschichte, avancierte zu den bekanntesten Krautrock-Bands der Nation und ist doch bis heute nicht zu greifen: Sie machen Space-Rock, Progressive, Psychedelic-Rock, Freejazz und immer eine ganz eigene Mischung aus allem. Das dürfte seinen Grund auch in der ständig wechselnden Besetzung – Frontmann und Kult-Drummer Mani Neumeier führt seine Vier-Mann-Band mehr wie ein Orchester – und den vor allem asiatischen Einflüssen haben, denen sowohl der Oberguru als auch sein seit 1975 immer wieder beteiligter Saxophonist und Gitarrist Roland Schaeffer zugeneigt sind.

Nun also wieder einmal gemeinsam Eintauchen in eine Welt aus mit Musik gemalten Farben, mit treibenden Beats, sphärischen Klängen und reizenden Themen. Natürlich sind die Fans der Band, die in der aktuellen Besetzung 240 Jahre Musikkarriere zusammenbringt, zahlenmäßig etwas kleiner und altersmäßig ebenfalls etwas reifer geworden, aber das sorgte immerhin dafür, dass man unter sich war und auch keiner den Reflex verspürte, die Herren auf der Bühne stützen zu wollen: Das war überhaupt nicht nötig, weil der Guru-Guru-Sound ganz offenbar der lang gesuchte Jungbrunnen zu sein scheint. Jedenfalls lassen die kraftstrotzende Musikgewalt von der Bühne und das begeisterte Publikum keinen anderen Schluss zu.

Vielleicht war es aber eben einfach auch nur ein Wiederaufleben der 70er-Atmo, die mit Kult-Stücken wie „Ooga Booga“ oder dem immer noch höchst agilen „Electro-Lurch“ durch das Pumpwerk waberte – immer noch ganz handgemacht; das einzige, das bei diesen Rock-Urgesteinen inzwischen aus der Konserve kommt, ist der Nebel, den man heutzutage nicht mehr von der Nikotin- und Hasch-Fraktion bekommen kann.

Aber was Guru Guru brachte war bei weitem mehr, als ein bloßes Revival der einstigen Klänge: Nichts ist stehen geblieben, alles hat sich fortentwickelt. Man hat sogar den Eindruck, als habe sich die Formation noch während des Konzerts schon wieder ein Schrittchen weiterbewegt: Natürlich sind da immer noch die erdig-volle Stimme des Leaders, Drummers und Gurus Neumeier, die phantasievoll-genialen Slide-Gitarren-Spielereien Hans Refferts, Schaeffers indische Schlangenbeschwörerpfeife Nadaswaram, und das grundsoliden Bass-Fundament des „Kükens“ (erst 56 Jahre) Peter Kühmstedt. Aber es ist ein frischer Sound, dem alles angestaubte Image abgeht, der angereichert ist mit den immer neuen Eindrücken, die auf die Musiker einstürmen. Es ist eben Improvisationsmusik, die aus „Living in the Woods“ einen anarchisch durchbrochenen süßen Klang macht, die dem psychedelischen „Space-Baby“ sein Maximum an Phantasie entlockt und die „Pow Wow“ als Wiegenlied der exotischen Reffert-Mutter enttarnt und das fernweheilende Herz sogleich wieder in die Nähe holt: „Der Vater war Pfälzer!“


Hingebungsvoll zelebrierte Guru Guru eine Nacht voll atemberaubender und extravaganter Musik. Und wenngleich man vielleicht nicht mehr so laut die linken Parolen von einst propagiert, als man zwischen den einzelnen Stücken noch politische Texte vortrug, und wenn man auch nicht mehr in der Kommune im Odenwald lebt – diese Band ist sich treu geblieben, indem sie sich immer wieder neu erfunden hat. Und sie brachten kraftstrotzende Musik nach Hockenheim – von kraftstrotzenden Kerlen.



Weitere Informationen in Internet unter http://www.guru-guru.com.

Den Fans sei das Krautrock-Festival am 21.05.2008 in Speyer ans Herz gelegt: Neben „Guru Guru“ spielen „Kraan“ und „Birth Control“.



Infos zu Mani Neumeiers Guru Guru

Die 1968 vom Schlagzeuger Mani Neumeier und dem Bassisten Uli Trepte gegründete Formation zählt zu den bekanntesten Krautrock-Bands der Nation. 30 Alben und zahllose Compilations wurden veröffentlicht und weit über eine halbe Million Platten verkauft; zuletzt erschienen 2005 mit „In the Guru Lounge“ und 2007 mit „Wiesbaden 1972“ die ersten beiden CDs einer zwölfteilig geplanten Revisited-Reihe. Bereits 1976 spielte die Band im „Rockpalast“, wo sich illustre Namen wie „The Who“, „The Police“, Peter Gabriel oder „R.E.M.“ tummelten. Durch die immer wieder wechselnde Besetzung – unter anderem waren Ax Genrich (Agitation Free), „Sepp“ Josef Jandrisits (Mashuun), Hellmut Hattler (Kraan) und Uli „Reverend“ Krug (Mardi Gras.bb) in den rund 30 unterschiedlichen Besetzungen mit von der Partie - und die damit verbundene Suche nach einem stets neuen musikalischen Weg blieb „Guru Guru“ stilistisch offen und pendelt zwischen Free-Jazz, Space-, Progressive- und Psychedelic Rock.

Mani Neumeier ist heute 66 Jahren und lebt in Finkenbach im Odenwald und immer wieder längere Zeit auch in Japan. Mit seinem extravaganten Schlagzeugstil und unzähligen eigenen Projekten – darunter zuletzt mit der „Nacht der Trommel“ auch in der Hockenheimer Stadthalle – hat er sich seit 1970 zu einem der führenden Jazzrock-Schlagzeuger mit gehörigem Kultstatus entwickelt. Sieben eigene CDs und zahlreiche Preise markieren seinen bemerkenswerten Musiker-Lebensweg.