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Erschienen
Vom „Walkürenritt“ zum „Tanz mit dem Teufel“
12/2007
Es ist eine ganze Menge, was zwischen die 88 Tasten eines Flügels passt: Ein ganzes Leben, wie uns der Schauspieler und Musiker Reinhold Weiser Anfang November im Hockenheimer Kulturzentrum „Pumpwerk“ lehrte. Mit dem Stück „Walkürenritt oder man müsste Klavier spielen können“ brachte der in Hockenheim geborene und in Neulußheim aufgewachsene Künstler eine Komödie auf die Bühne der Rennstadt, der alles tragische und spannende eines Dramas innewohnte; nach fast zweieinhalb Stunden war aus dem im umgänglichen Plauderton begonnenen fiktiven Festabend zur Silberhochzeit ein ergreifender und teilweise äußerst berührender Marsch durch eine menschliche Seele geworden. Ganz sich selbst treu bleibend hat der Autor Uwe Hoppe mit seinem „Walkürenritt“ wieder einmal bitterböse und allzumenschlich Adams Sein zwischen Notenlinien und Musiker-Biografien gefädelt, um in einer vordergründigen Lehrstunde über die Musikgeschichte die ganze Tragik eines zerbrochenen Lebenstraums zu erzählen. Und er hat – wie er sich seit 25 Jahren immer wieder augenzwinkernd und höchst unorthodox mit dem Wagner-Mythos auseinandersetzt – einmal mehr den großen Kulturgiganten Richard Wagner in den Ring geschickt, um dem armen spießigen Gymnasiallehrer, den Weiser in seinem ganzen pingeligen, bescheidenen, opportunistischen Tiefgang mimte, der Fels zu sein, an dem er mit Schöngeist und poetischer Verklärung zerschellen kann.

Weiser, den man hierzulande vor allem von seinen Auftritten mit der Deutschrock-Band „Radioballett“ kennt, war für Hoppes Werk ein genialer Glücksgriff: Nicht nur das exzellente Einfühlungsvermögen in die vielschichtige Rolle des fast schizophrenen Geists zwischen verhinderter Rebellion „als Protest-Hörer Klassischer Musik“, verfolgter Hingabe an die Musik („Ich übe zu wenig, finde ich. Ich übe zu viel, findet meine Familie“), Abscheu vor dem eigenen Alltag („Ich war Dir immer treu. Das gehörte ja dazu“) und systematischer innerer Emigration („Ich weine, weil ich das, was ich empfinde, nicht mit Dir teilen kann“) hat der 52-Jährige Mime perfekt und geradezu beängstigend authentisch ausgefüllt – „Beamter auf Lebenszeit, ein Eigenheim, zwei Kinder – mein Gott, wie schrecklich!“ Er konnte darüber hinaus mit einem virtuosen Klavierspiel aufwarten – Mozart, Bach, Chopin, Liszt und sogar der ungeliebte Wagner perlten von seinen Händen, als wären sie eben dafür geschaffen worden. Und vielleicht, so dachte Weiser als Silberhochzeiter laut nach, waren sie das ja auch: „Die große Liebe meines Lebens hab ich ja gefunden – das ist mein neuer Flügel“.

Entlang eines atemlosen Gangs durch die Musikgeschichte, der passagenweise an den „Kontrabaß“ von Patrick Süskind erinnert, spult der unbekannte Lehrer sein eigenes Leben mit all seinen Brüchen und Unausweichlichkeiten ab: „Vor 25 Jahren haben wir dann geheiratet. Warum eigentlich? Ach ja, wir hatten entschieden, zusammen zu bleiben. Also Du hattest entschieden...“

„Unsere Ehe war ein Unglücksfall – wir haben uns betrogen, weil wir uns Liebe vorgelogen haben“. „Seine“ Erika war der „Generalfeldmarschall“, dessen liebenswürdigem Klammergriff er sich niemals entziehen konnte. Und dem Anpassungsdruck, den die Umwelt auf ihn ausübte. Erfolgreich ausübte: „Mit dreißig war schon alles fertig, um die Jahre bis zu unserem Tod immer gleich zu bleiben – Kinderkrankheiten und Familienfeste waren die einzigen Highlights“.

Dazwischen leise Schumanns „Träumerei“ und die leichtfüßigen Akkorde Mozarts – erst durch ihn „ist unser modernes Empfinden und Begreifen“ ja möglich geworden. Das Empfinden, an dem der Protagonist zu zerbrechen droht: „Jetzt könnten wir genausogut weitermachen bis an unser Lebensende – aushalten können wir uns ja“. Dem gebannten Zuschauer mochte es wie ein „Glücklicherweise“ vorkommen, als er sich dann aber doch der Eigenarten der Musik Wagners, die zuvor so viel zerstört hatte, erinnerte: In einem mörderischen Befreiungsschlag mit dämonischem Charakter streift er nach einer Katharsis auf seinem geliebten Klavier das schnöde Alte ab und entledigt sich all der bisherigen Weggefährten, die ihm zumeist doch nur im Wege standen – „Einmal muss es ja doch sein. Warum nicht jetzt?“ fragt er augenzwinkernd mit einem Seitenblick auf die todbringenden Pilze, von denen alle Gäste reichlich gespeist hatten.


Weiser schenkte seinen Gästen einen überirdisch schönen Abend mit viel Musik, einen genial erschreckenden Abend mit Innenansichten aus einer menschlichen Seele, die manchem bei entsprechend selbstkritischer Grundhaltung durch Mark und Bein gingen, einen emotional befreienden Abend, weil er einen Ausweg aus dem Einerlei offeriert und einen lehrreichen Abend, der zumindest eine Botschaft transportierte: „Klavierspielen macht nicht blöd. Vielleicht duldsam. Auf jeden Fall heiter“.