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Erschienen
Oropax als Hebamme des Witzes ganz fimos
12/2007
Drei Tage währte das große Fest des exklusiven Geschmacks, wovon runde sieben Stunden eine Art Hochamt für die Witz- und Ekeltoleranz der Jünger war: Die Martins-Brüder des Chaos-Theaters „Oropax“ zelebrierten Ende November in drei restlos ausverkauften Messen ihr neues Weihnachts-Spezialprogramm und machten sich – wer hätte anderes erwartet – erneut zu Hohepriestern des derben Humors. Des ganz ganz derben Humors wohlgemerkt.

Wer auf die beiden Ekelpakete aus Freiburg nicht vorbereitet ist, den trifft deren Show schon mal direkt in die Magengrube – oder gleich der Schlag. Alle langjährigen Oropax-Fans habens dank guter Therapeuten, wo sie nach getaner Huldigung der Witz-Henker mit den schlimmsten Persönlichkeitsveränderungen zu leben lernen, besser.

Diesmal traf es den unbedarften Pumpwerk-Besucher, der nur mal sehen wollte, „was es da gibt“, umso härter: Thomas und Volker Martins („Nicht nur wir sind Brüder, auch unsere Eltern waren Geschwister“) reisten aus der Breisgau-Metropole in den Hockenheimer Musentempel, um unser Bild von der Heiligen Nacht für immer so zu verändern, „dass das Fest fest in Erinnerung bleibt“. Sie legten Hand und schweres Gerät an die Grundfeste unseres liebsten Konsum-GAUs und nahmen den 54. November so richtig durch die Mangel – für schwache Nerven ein existenzieller Tiefschlag: Zwei Stunden lang hängten sie funkelnde Sterne des absolut hirnlosen Wortwitzes an ihren Weihnachts-Wunderbaum (Geruchsrichtung Fleischkäse), dekorierten die entspannte Tanne („das kommt von den Drogen, Du alter Kiefer“) mit Kugeln geschmackloser Trivialität, zu denen man getrost auch „Bollen“ sagen könnte, und krönten ihn anschließend mit einer Spitze, die maßgebliche Wege des Verdauungstraktes längst hinter sich gelassen hat.

Als Stellvertreter des Schicksals und Hebamme des Witzes griffen die Chaos-Brüder („Was wäre ich ohne Dich – wahrscheinlich nur ein Einzelkind!“) wieder auf Experten aus dem Publikum zurück – selbst schuld, wenn man sich in die Zuschauerreihen der aberwitzigen Gag-Amokläufer begibt. Aber alle schienen gut präpariert; letztlich wird man kaum unterhalb der Gürtellinie getroffen, wenn man den Gürtel als Schnürband trägt!

Weil sowohl Thomas als auch Volker lieber alleine Weihnachten feiern wollten, haben sie einfach zusammen alleine gefeiert.

Mit kranken Geschenken: Sudoku für Deppen, Kabeltrommel und Zahnseide „wireless“, ein Ei-Phone und schließlich bekam Thomas endlich die Chance zum Hauptschulabschluss trotz seiner extremen Mathe-Schwäche – „mit Viagra kann ich Potenz nehmen“.

Mit alten Bekannten: Herr Pinski, der nicht aus einer Rippe geschaffen wurde, „sondern aus einer Hämorrhoide“, hatte eine durch Spontanauftritt ausgelöste Charakterkrise und der Mönch kam nach 20 Minuten deutlich früher als zuletzt, gab im Gegenzug dann gerne den Armleuchter.

Mit viel Ekel und ganz ohne Hirn: Rastlos kalauerten sich die beiden durch das neu zusammengezimmerte Programm, das in den kommenden Woche noch Kontur, Schärfe und vor allem deutlich Kotzfaktor gewinnen wird. Da gibt es den pantomimischen Bauchredner als „Perle der Kleinkunst im PDF-Format“ – den „Acrobat Reader“. Weihnachtsmann „IOLAUSNK“ streitet mit seinem Rentier Rudi („Ruh di erstmal aus!“), macht dann aber mit Butler James Knecht Ruprecht zu Bin Laden. Schließlich kam Pinski als Jesus „auferstanden aus Ruinen“, zwar mit Kreuzschmerzen, dafür aber auch mit neuem Call-Center für die Anrufungen: „Hab auch schon mit meiner Ex kommuniziert“. Klar, dass so einer von Exorzis-Mus Dünn-Schisma bekommt.

Volker bekam aus Hefeteig und Kokosflocken auf der Glatze zuerst eine Sturmfrisur, dann vermittels eines angegammelten Fischs auch noch Schuppen. Dank tief angesetztem Spritzbeutel gabs wieder reihenweise Christbaum-Ständer und auf dem Frankfurter Parkett sogar einen „Börsewicht – ein Spekulatius“. Letztlich besteht das neue Programm, dem man an vielen Stellen auf eine angenehm sinnfreie Weise anmerkt, „dass es noch nicht richtig abgesprochen ist“, aus reihenweise „spontanen Einlagen“ direkt aus dem Schuh, den die Martins unter Zuhilfenahme einer Kaffeemaschine in einen „Moccassin“ verwandeln.

Dennoch merkt man „Oropax“ an, dass die Protagonisten langsam älter und reifer werden – der Jüngere von beiden hat gerade seinen 41. Geburtstag gefeiert. Da kocht man nicht mehr halb, sondern Gans – zerlegt mit einem benzinbetriebenem „Weihnachts-Sägen“. Früher jedenfalls hätte man dafür keine Spritzscheibe zum Schutz des Publikums benutzt. Dann noch schnell 14 Duplo und eine Lila Pause durchgekaut an die Pumpwerk-Decke gezaubert und die Bühne in ein Chaos aus Essensresten und Müll verwandelt – man verliert im hohen Alter eben auch deutlich an gutem Geschmack.



Das Weihnachts-Spezial ist eine neue Episode in der so herrlich stumpfsinnigen Oropax-Geschichte, deren völliges Fehlen von Geist und Verstand einen fast schon göttlichen Farbtupfer in der schrillen Vorweihnachtszeit setzt: Kommt alle zusammen, „wir feiern Beschneidung – Nein, Bescherung – das ist ja fimos!“



Weitere Informationen im Internet unter http://www.oropax.de.